Feministische Ökonomien angesichts des Kapitalozäns: Analysen und Alternativen. IX. Kongress Feministische Ökonomie in Spanien

Vom 2. bis 4. Oktober fand der 9. spanische Kongress Feministischer Ökonomie in Sevilla statt. Gleichzeitig wurde das 20-jährige Jubiläum dieses Netzwerks gefeiert, das 2005 den ersten Kongress in Bilbao organisierte. Ca. 350 Personen nahmen am Kongress teil.

In der Einladung zum Kongress ist zu lesen:

„Kapitalozän“ versteht sich als Kritik des Konzeptes „Anthropozän“. Nicht die ganze Menschheit ist gleichermaßen verantwortlich für den Klimawandel. „Kapitalozän“ unterstreicht, dass diese Veränderungen hauptsächlich durch den globalen Kapitalismus verursacht werden. Wir müssen diese Wirklichkeit aus einer feministischen Perspektive angehen. Die gegenwärtigen Umweltkrisen zeigen auf, wie die Dynamik des kapitalistischen Wirtschaftswachstums die biophysischen Grundlagen des Lebens zerstört und die Gewalt gegen Frauen und allen Formen des Anderssein verstärkt, die nicht dem westlichen Heteropatriarchat entsprechen. Die Ökofeminismen haben den Zusammenhang zwischen Beherrschung und Zerstörung der Natur und Unterdrückung der Frauen analysiert, Zusammenhänge, die sich gegenwärtig mit den neuen Extraktivismen in Opferterritorien1 verstärken. Die Massenproduktion und der Massenkonsum in der digitalen Ära, die einige wenige Eliten bereichern, werden weiterhin als Entwicklung und erwünschtes gesellschaftliches Modell präsentiert, während, wie uns dekoloniale Feminismen anmahnen, die zugrundeliegenden sozialen Ungleichheiten und die Zerstörung von Gemeinschaften, Kenntnissen, Kulturen und Ökonomien verborgen werden, die für die Erhaltung des Lebens organisiert sind.

Auf dem IX. Kongress Feministischer Ökonomie wollen wir aus den unterschiedlichen Ansätzen der feministischen Ökonomien über die Aktualität des Kapitalozäns nachdenken, und dabei besonders die Wechselwirkung von Unterdrückungen aus Gründen von Klasse, ethnischer Zugehörigkeit und Gender in unterschiedlichen urbanen und ländlichen Territorien des globalen Nordens und des Globalen Südens in Betracht ziehen. Besonders willkommen sind Analysen und Ansätze alternativer feministischer Ökonomien, die zwar existieren, aber in den westlichen Wissenschaften, insbesondere den Wirtschaftswissenschaften, dem hegemonialen patriarchalen und kolonialen Blick verborgen bleiben.

Der Kongress wurde um 14 thematische Achsen strukturiert. Wer war als Zielgruppe gedacht? Die feministische Ökonomie hat schon immer das Ziel verfolgt, nicht nur eine Strömung des ökonomischen Denkens zu sein, sondern einen Rahmen für Veränderung zu bieten. Neben Akademikerinnen waren feministische Bewegungen eingeladen, Feminismen aus anderen gesellschaftlichen Bewegungen, soziökonomischen Spektren, dem Dienstleistungssektor, den Gewerkschaften, Organisationen der solidarischen Ökonomie, NGOs oder öffentliche oder wirtschaftliche Institutionen, usw.

Thematische Achsen:

  1. Epistemologien und Methodologien in feministischen Ökonomien
  2. Ökofeminismen, Agrarökologie, Ernährungssouveränität und ländliches Leben
  3. Care, Interdependenz und Verletzlichkeiten
  4. Zeiten und Arbeiten
  5. Einrichtungen, Unternehmerinnentum und organisatorische Alternativen
  6. Populäre, soziale und solidarische feministische Ökonomie
  7. Sozialpolitik, Steuerpolitik und öffentliche Haushalte
  8. Schulden und Finanzialisierung
  9. Technologien und digitale Ökonomien
  10. Globale Wirtschaftspolitik, Entwicklung und internationale Zusmmenarbeit
  11. Den Neoliberalismus und die extreme Rechte zerschlagen
  12. Politisierung der Malaisen, Widerstände, Re-Existenzen und emanzipatorische Horizonte
  13. Bildung und Unterrichtspraktiken in feministischer Ökonomie
  14. Machistische Gewalt aus wirtschaftlicher Perspektive

Die Plenarsitzungen und die Gruppenarbeit

Wie sich leicht erkennen läßt, war es schier unmöglich mehr als nur einige Happen der vielen Angebote mitzukriegen. Jeden Tag gab es mindestens eine Plenarsitzung, in der die wichtigsten Fragen angerissen wurden:

1. Tag:

a/ Begrüßung und Organisatorisches

b/ Eröffnungsdialog: „Andalusischer Feminismus und Nachhaltigkeit des Lebens“

Eine Journalistin und Autorin legte unter anderem dar, wie wichtig es ist, das Alltägliche genau zu beobachten und mit Respekt und „Sorg“-falt anzuschauen. Das, was abgewertet und unsichtbar bleibt. Die ländlichen Territorien, die vielfach der Süden unseres Globalen Nordens ist. Besonders die spanischen Dörfer werden als Quelle von unbedingt notwendigen Praktiken, Kenntnissen und Widerständen gesehen. Allerdings: Wenn das Ländliche im Diskurs auftaucht, geschieht dies für Gewöhnlich auf zwei Weisen: als idealisierter Ort gemeinschaftlicher Wissensformen und Nachhaltigkeit, oder als zurückgebliebenes Gebiet, das modernisiert werden muss. Aber zwischen Epik und Verwahrlosung gibt es eine ganze Spanne von Leben, welches die feministische Ökonomie in Betracht zu ziehen muss. Weil diese Verwurzelung, die man in den spanischen Dörfern noch einatmen kann, keine Nostalgie ist, sondern etwas Lebendiges, das daran erinnert, dass das Leben einen Sinn hat, wenn es als Beziehung existiert, wenn es gefeiert wird, wenn es gemeinschaftlich versorgt wird.

c/ Panel: Feministische und agro-alimentäre ländliche Ökonomien in den Randgebieten des spanischen Staates.

Vier Frauen berichteten über ihre „Kämpfe für den Erhalt des Lebens“ in Andalusien, Extremadura und Galizien, z.B. über die Tagelöhnerinnen in den agroindustriellen Plantagen, die den unglaublichsten Arbeitsbedingungen ausgesetzt sind, aber als Care-Verantwortliche keine Alternative sehen, als ihre Gesundheit und gar ihre Würde aufs Spiel zu setzen, um für ihre Familien Einkommen zu sichern. Oft sind sie in den unsäglich heißen Folientunneln der Plantagen ungeschützt Pestiziden ausgesetzt, haben manchmal nur kontaminiertes Wasser, um ihren Durst zu löschen, müssen sich den Gang auf die Toilette verkneifen etc… Eine ihrer Forderungen ist die Einführung eines Bedingungslosen Grundeinkommens, das sie vom Zwang befreien könnte, sich zur Ware zu machen, um das nackte Überleben zu sichern. Aber auch hoffnungsvolle Klein-Projekte in den Dörfern wurden geschildert, wo sich Frauen zusammenschließen, um gemeinsam Kooperativen zu gründen und nachhaltige(re) Landwirtschaftsprojekte zu verwirklichen. Wie kann Ernährungssicherheit außerhalb des Marktes gelingen? Oder zumindest ohne Zwischenhändler? Überhaupt: wie können sich Frauen und Gemeinschaften der Gewalt des Marktes entziehen, das sie zur blanken, billigen Ware reduziert?

2. Tag

Vernetzungen

a/ Eine erste Plenarsitzung widmete sich der Vernetzung mit „europäischen Netzwerken feministischer Ökonomie“- Die gegenwärtige italienische Präsidentin der IAFFE2, Marcella Corsi, war als Referentin eingeladen. Gerade in den gegenwärtigen Kontexten ist breite Vernetzung wichtig. Es sollte gerade auf regionaler (also z.B. auf europäischer Ebene) Vernetzungsbemühungen geben.

b/ zweite Plenarsitzung: Brücken schlagen zum ersten Treffen der Feministischen Ökonomie in Abya Yala3.

Im März 2025 fand das erste Treffen in Argentinien statt, das zweite wird im März 2026 in Uruguay stattfinden. Es besteht seitens beider Netzwerke ein großes Interesse an der Vertiefung dieser begonnenen Vernetzung. Thema des ersten Treffens4 war: „Politisieren wir das Unwohlsein aus der Perspektive der feministischen Ökonomie“. Sechs Stränge standen auf der Agenda:

  • Die transformative Macht von Care
  • Finanzsystem, Schulden und Geld
  • Gegen die extreme Rechte: ihren Vormarsch interpretieren und ihm entgegentreten
  • Kritische gesellschaftliche Prozesse: einen gemeinsamen Widerstand aufbauen
  • Zeiten und Ängste: Kontrollinstrumente der Macht
  • Künstlerisch-kulturelle Ausdrucksformen aus der Perspektive der feministischen Ökonomie

Es sollten die Lehren aus vielen Prozessen geteilt werden, die in Lateinamerika gedeihen, die uns hier „im Norden“ mit großer Bewunderung erfüllen wegen ihrer politischen Kraft, ihrer ethischen Klarheit und ihrer Fähigkeit sich im Volk zu verwurzeln. Es sollten so auch die eigenen Prozesse betrachtet werden, die wegen des viel näheren alltäglichen Kontextes vielleicht unsichtbarer bleiben. Dass der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte Care inzwischen zu einem dreifaltigen Recht erklärt hat: das Recht auf Sorgeverantwortung für andere, das Recht, selbst Sorge zu erhalten, das Recht auf Selbstsorge, wurde als Erfolg eines langen Kampfes für die Anerkennung dieses zentralen Sektors, auf dem alles andere aufbaut, gefeiert, jedoch davor gewarnt, dass die Beschaffung der notwendigen finanziellen Ressourcen unter keinen Umständeneiner Privatisierung und Geschäftemacherei das Tor öffnen darf, weil sich die Staaten nicht durchringen können, eine gerechte Steuerpolitik einzuführen, die die wachsende soziale Ungleichheit entschlossen angeht. Denn Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge führt dazu, dass das, was als Menschenrecht deklariert wird, zu einem Privileg derer wird, die – wie halt immer – die ausreichenden finanziellen Mittel dazu haben.

3. Tag

Wie man dem Vormarsch der extremen Rechten begegnen kann, aus der Perspektive von Internationalismus und globalen Allianzen

Der Vormarsch der unterschiedlichen Extremen Rechten in allen Teilen der Welt wurde als besondere Bedrohung für Frauenrechte gesehen. Sind besonders Frauen* der strukturellen Gewalt eines bioziden, also lebensfeindlichen Wirtschaftssystems ausgesetzt, in welchem nicht nur Oligarchen, sondern inzwischen auch „Trolligarchen“ mit ihren digitalen Mitteln unsere Kraft und Zeit rauben, müssen wir zusammenrücken. Wir dürfen der Strategie der Vereinzelung und Atomisierung der Gesellschaft nicht verfallen, sondern überlegen, was wir beiseite lassen können, um miteinander Bündnisse zu schmieden. Zuhören. Auch der faschistisch wählenden Nachbarin. Überwinden wir uns dazu und hören ihr zu, vielleicht ist auch sie im Anschluss bereit, unsere Argumente zu hören. Vermeiden wir Polarisierungen, allerdings, ohne bestimmte rote Linien zu vergessen.

Besondere Gästin war Suha Alnajjar. Präsidentin der Palästinensischen Gemeinschaft in Sevilla. Gazatin, Ingenieurin und Doktorandin im Bereich internationale Zusammenarbeit an der Universität Sevilla, Mutter von drei Kindern. Sie gab ein erschütterndes Zeugnis ab über die unmenschliche Unterdrückung, die ihr Volk vor den Augen der gesamten Welt seit zwei Jahren erleidet, das aber „nur“ eine auf die Spitze getriebene Entrechtlichung darstellt, die schon vor Jahrzehnten im Nahen Osten begann.

Der gesamte Kongress solidarisierte sich mit dem Leiden des palästinensischen Volkes. Am ersten Tag wurde auf dem Vorplatz des Hauptgebäudes der Universität, wo der Kongress stattfand, eine Solidaritätskundgebung abgehalten und ein Manifest verlesen. Abends beteiligten sich die Kongressteilnehmenden geschlossen an der großen Solidaritätskundgebung im Stadtzentrum von Sevilla. Die palästinensische Fahne schmückte während der ganzen Zeit den Plenarsaal.

Man darf nicht vergessen, dass Spanien sich, im Gegensatz zu Frankreich und anderen, besonders östlichen europäischen Nachbarn, nicht an der Auslieferung von Juden an das Naziregime in Deutschland beteiligt hat und in der Bevölkerung kein Schuldgefühl im Zusammenhang mit dem Holocaust herrscht. Seit 1939 hatte zwar der Faschismus5 gegen den drei Jahre währenden republikanischen Widerstand im Land gesiegt, aber – im Gegensatz zu Italien z.B. – beteiligte sich Spanien nicht an dem 2. Weltkrieg, sondern schottete sich bis Ende der 1960 Jahre ab. Es verbündete sich dann mit (autoritären) Regimen der islamischen Welt und etablierte erst 1986, im Zusammenhang mit dem Beitritt zur EU, diplomatische Beziehungen mit dem Staat Israel.

Man hatte die Möglichkeit, an den beiden ersten Tagen an zwei Gruppenveranstaltungen zu den Themen der 14 Achsen teilzunehmen. Als SoLaWi-Mitglied entschied ich mich für Berichte über feministische Agrarprojekte. Eine Veterinärin hat z.B. zusammen mit einer Partnerin ein Stück Land gepachtet und dort auf völlig traditionelle Weise mit einer Herde von 30 Schafen das Land systematisch renaturiert, so dass sich ein ausgelaugtes Territorium in ein grünes, gesundes Stück Land verwandelte, wie wir auf Fotos feststellen konnten. Eine andere berichtete über die populäre Schule, in der auf dem Dorf Grundkenntnisse in feministischer solidarischer Ökonomie unterrichtet werden und gleichzeitig Frauengruppen empowert werden, auf solidarische Art unternehmerisch tätig zu werden.

Aber auch das Thema Zeiten und Arbeit gab Gelegenheit, sich mit der Frage des Umgangs mit der Biologie von Frauen als Arbeitskräfte auseinanderzusetzen. Frauen menstruieren nun mal jahrelang. Und das wird nicht nur mit einem Tabu belegt, sondern kaum berücksichtigt. Es wären z.B. Räume notwendig, wo sich eine Frau mal eine Weile hinlegen kann, wenn die Menstruation zu schmerzhaft ist. Aber auch, wenn sie – auch im Klimakterium – Beschwerden hat, über die so wenig gesprochen wie das Menstruieren mit Schweigen zugedeckt wird. Dass Spanien jetzt die Menstruationsbeschwerden als Grund für eine Krankschreibung, also der Genehmigung eines Fehlens am Erwerbsarbeitsplatz gesetzlich geregelt hat, wurde als besonders innovative Politik entzaubert. In Japan geschah dies bereits 1947, sowie einige Jahre später in einer ganzen Reihe weiterer Länder. In Japan? – Damals gab es nach dem Krieg einen derartigen Mangel an hygienischen Möglichkeiten, mit der Menstruation umzugehen, dass Frauen einfach daheim bleiben durften! – Daneben wurde aber auch bemängelt, dass die Statistiken der Zeiterfassung, auch der unbezahlten Arbeit, wie wir sie z.B. in Deutschland kennen, in Spanien und anderen Ländern noch sehr zu wünschen übrig lassen.

In der Gruppe zu Care – und auch in Privatgesprächen mit anderen Teilnehmerinnen – fand ich bemerkenswert, dass nicht von dem Kümmern der Menschen umeinander ausgegangen wurde, sondern vielmehr von der Sorge um die Mitwelt. Um die Bedeutung von Mutter Erde, der wir alle entstammen und die uns nährt und mit der wir unausweichlich eine miteinander verwobene Einheit bilden. Ich erinnerte mich an die Tatsache, dass Humanität mit Humus zu tun hat und dass ich früher am Aschermittwoch in der Kirche immer ein Kreuz auf die Stirne gezeichnet bekam mit den Worten: „Bedenke Mensch, dass Du Staub bist und zu Staub zurückkehren wirst“. Wir vergessen das alles durch Werbung und Konsumwahn. Wie eine Frau feststellte: „Nur wer ein Kind hat, das dürstet, weiß, wie kostbar Wasser ist. Nur wer einen Kranken während seines Genesungsschlafs betreut, kennt den Wert der Zeit, und nur wer pflegt und fürsorglich ist, kennt den wahren Wert des Lebens.“ Care findet ständig statt. Aber in Momenten besonderer Verletzlichkeit handelt der oder die Caregebende aus Liebe. Denn nur Liebe gibt der Verletzlichkeit ihre Würde. Warum sollen nicht sogar weiße, alte Männer dazu fähig sein? Und so sind die Beziehungen zwischen den Menschen, und zwischen den Menschen und allem Kreatürlichen das wichtigste, das es zu erhalten gilt. Doch der Kapitalismus zerstört es, indem alles zur Ressource wird, je billiger umso besser, oder zur Ware. Auch hier wurde wieder die Bedeutung eines Bedingungslosen Grundeinkommens erwähnt, das menschliche Arbeit vom Fluch des Marktes befreit.

Es wurde das Ausländergesetz in Spanien kritisiert, das Migrantinnen das Leben sehr erschwert und ihnen den Zugang zu Arbeitsrechten, gerade auch im Caresektor, erschwert. Immerhin haben sie den Vorteil, wenn sie aus Lateinamerika kommen, zumindest keine Sprachprobleme zu haben. Und das erleichtert ihnen auch, sich zu organisieren. Doch nicht nur im Caresektor kämpfen Frauen mit Prekarität und Existenzangst. Auch die Universität leidet an Kürzungen und Privatisierungen. Frauen, gerade im Mittelbau, werden gnadenlos ausgebeutet und mit zeitlich begrenzten Verträgen hingehalten. Mutterschaft wird für viele schwierig. Spanien hat die niedrigste Geburtenrate Europas. Im Zug nach Sevilla sah ich eine Reklame: „Man weiß, dass die Möglichkeit einer Mutterschaft nach dem 35. Jahr stark abnimmt. Lass daher deine Eizellen einfrieren!“

Am Abend des zweiten Tages wurde das 20-jährige Jubiläum des spanischen Netzwerkes feministischer Ökonomie andalusisch gefeiert. Im Kulturzentrum der Uni Sevilla erwartete uns eine Darbietung von „Flamenconomía“ (Ein zusammengesetztes Wort aus Flamenco und Economía). Mit „Cante Hondo“, einem Gesang aus der Tradition der Gitanos (Roma) zum Klang einer Gitarre und verschiedenen Gedichten und poetischen Texten, wurde die soziale Ungleichheit und der Stolz des einfachen Volkes thematisiert, das trotz aller Demütigungen und Unterdrückungen nicht den Mut verliert und Widerstand leistet. Dass ihm klar ist, dass Geld nicht Reichtum bedeutet, sondern eigentlich den wahren Reichtum vernichtet.

Feministische Ökonomie in Spanien

Wie Astrid Agenjo Calderón. Mitglied des Vorbereitungskommittees des IX, Kongresses Feministischer Ökonomie es formuliert: „Der Ursprung der Kongresse feministischer Ökonomie geht zurück auf die 80er Jahre, als eine Gruppe Ökonominnen begannen, sich in den Fachtagen Kritischer Ökonomie (JEC) zu treffen, um über neue aufkommende Ansätze in der heterodoxen Ökonomie zu diskutieren, darunter die feministischen Ideen. Seit jenen Fachtagen setzte sich allmählich „die Notwendigkeit durch, mehr Raum und Zeit für unsere Themen zu haben“ (Cristina Carrasco); es wurde 2005 der erste Kongress in Bilbao organisiert, und seitdem haben sie alle zwei Jahre stattgefunden, wobei 2025 der 20. Jahrestag gefeiert wird. (Und wir werden ihn tanzend feiern, wie sich’s gehört!) In dieser Zeit haben wir verschiedene Veränderungen erlebt, als Reaktionen auf die sozio-politischen Kontexte: 2013 überließ die akademischen Arbeit den ersten Platz dem Aktivismus. Die sozialen und feministischen Bewegungen vernetzten sich viel stärker; es entstand ein viel interdisziplinärerer Charakter; es wurden aufkommende Themen und Interessen einverleibt. Es war eine Entwicklung, die sehr stark durch die Krise, dem Widerstand dagegen und den Alternativen dazu bestimmt wurde, insbesondere durch die Entstehung (2011) und den Erfolg der Antiausteritäts-Bewegung 15M6, der Fluten (als „Flut“ wurden Massenmobilisierungen zu bestimmten Einzelthematiken bezeichnet) und der feministischen Streiks.

Aber das Zusammenkommen hat auch unter der Pandemie und der darauf folgenden Erschöpfung gelitten, der aktivistischen Überlastung und dem gegenwärtigen sozialen Rückzug, in die sich die Mobilisierungsformen allmählich verwandeln, meist außerhalb des Radars von Medien und Institutionen, und was oft als eine Art Lähmung wahrgenommen wird. Die Netzwerke lassen nach, es wird schwieriger, solche Räume weiter am Leben zu halten. Die prekäre Lebenssituation schleicht sich ein in unsere Lust nachzudenken und weiterhin gemeinsam zu handeln…. Aber die politische Dringlichkeit ist nicht verschwunden. Im Gegenteil: Der Konflikt Kapital-Leben verschärft sich, die Rechten kommen voran, die Ökologiekrise und die Carekrise ersticken uns langsam. In diesem Kontext hat sich die feministische Ökonomie verändert, sie ist dezentraler geworden, und vielleicht manifestiert sie sich nicht mehr so spektakulär wie zu anderen Zyklen. Vielleicht ist sie versprengter, leiser. Aber ihr Herzschlag ist noch zu spüren in Kooperativen, in Netzwerken gemeinschaftlicher Unterstützung, in Gemeinschaften, die Territorien unterstützen. Versprengter oder leise: Ja. Aber dringend notwendig.

Mit dieser Inspiration wird der Kongress stattfinden. Wir sind überzeugt, dass das Treffen eine gemeinsame politische Geste ist: zusammenzukommen, um nachzudenken, füreinander zu sorgen, um uns nicht loszulassen, uns zu treffen, um nicht aufzugeben. Denn angesichts eines wirtschaftlichen Modells, das enteignet, erschöpft und ausschließt, ist die feministische Ökonomie weiterhin ein lebendiges Werkzeug, offen und subversiv, um Alternativen zu entwickeln und zu gestalten, die Care ins Zentrum stellen, sowie die Körper, die Territorien und die Beziehungen. Und es ist notwendig, dass die feministische Ökonomie nicht eingepfercht bleibt in abgegriffene Konzepte, sondern wir müssen sie weiterhin gemeinsam neu erfinden, indem wir Banden bilden, uns unbequeme Fragen stellen und Antworten suchen, die uns erlauben, das, was uns wirklich wichtig ist, zu unterstützen, mit der Überzeugung, dass eine andere Welt nicht nur möglich ist, sondern auch dringend notwendig“7

Es waren drei äußerst intensive Tage, über die noch sehr viel mehr berichtet werden könnte. Ich war am Ende des dritten Tages zu erschöpft, um noch an einer Führung durch „das schwarze Sevilla“ teilzunehmen und erst recht nicht an der Abschlussparty, die sich bis in die frühen Morgenstunden des Sonntags hinzog.

Elfriede Harth

  1. Opferterritorien – man könnte auch sagen „Schlachtfelder“. Aber der Begriff „Territorium“ ist im spanischsprachigen Feminismus besonders wichtig. Territorium sagt mehr aus als Gebiet oder Feld, da es die gleiche Wurzel hat wie „Tierra“ = „Erde“. Auch der menschliche Körper wird als Territorium betrachtet, der ausgebeutet und gewaltsam zerstört, also „geopfert“ wird, um z.B. Profite zu generieren. Auch auf dem Gebiet von Care wird teilweise die Bereitschaft der Frauen, aus Care-Verantwortung alle möglichen Verzichte und gewalttätige Situationen auf sich zu nehmen als Selbstopferung oder Aufopferung betrachtet.

2. https://www.iaffe.org/

3. Abya Yala siehe: https://de.wikipedia.org/wiki/Abya_Yala

4. https://efabyayala.com/

5. https://en.wikipedia.org/wiki/Anti-austerity_movement_in_Spain

6. . https://eltopo.org/una-economia-feminista-viva/

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