Von der 4in1 Perspektive zum Frauen*streik

Haug

Oder der lange Atem und die Selbstermächtigung

Gedanken zu einer Veranstaltung

Etwa 100 Personen waren gekommen. Oder besser mehr, denn das ist in etwa, was das Titania fasst. Und es mussten immer wieder Stühle geholt werden. Auch einige Babys waren von ihren Müttern mitgebracht worden. Viele Frauen* können eben – oder wollen auch nicht – ihre Kinder irgendwo lassen, wenn sie sich politisch engagieren. Und warum sollten sie es denn tun (müssen)? Sind Kinder nicht auch Bürgerinnen und Bürger? Gebührt ihnen nicht ein legitimer Platz im öffentlichen Raum, statt in die Unsichtbarkeit der Privatsphäre verbannt zu werden? Schließlich geht es (auch) Kinder an, was in der Politik gemacht wird. Es ist auch ihre Welt, die da gestaltet wird. Und wenn sie dabei sind, wird das vielleicht weniger ausgeblendet.

Und genau darum ging es in unserer Veranstaltung am 25.09. in Frankfurt. Um Teilhabe. Und um Verantwortung. Um eine neue Verteilung der unterschiedlichen Tätigkeiten, die für das menschliche Leben als Individuum und das Zusammenleben in der Gemeinschaft notwendig sind. Wie kann jede und jeder sich voll entfalten, also frei sein, sich als Mensch verwirklichen und gleichzeitig die Bedingungen mitgestalten, die es allen ermöglichen, frei und gut zu leben? Denn wir hängen voneinander ab.

Frigga Haug identifiziert in ihrer 4in1Perspektive vier Felder, in denen Menschen tätig sein müssen, damit das Gute Leben für Alle Wirklichkeit werden kann. Da ist einmal die Fürsorge für sich selbst und für andere. Alle jene Tätigkeiten, die uns überhaupt am Leben halten. Also Nahrung zubereiten und Essen anreichen. Vor Gefahren schützen, aber auch vor Hitze, Kälte, Nässe oder Schmutz. Bei Angst beruhigen und bei Verlusten trösten. Bei Mutlosigkeit und Schwäche ermutigen. Die Erfahrung von Zugehörigkeit ermöglichen. Die Muttersprache lernen und aller Kodizes, die notwendig sind, um mit anderen Menschen zu kommunizieren, z.B. ein Minimum an Empathie und Höflichkeit. Und vieles mehr.

Ein zweites Tätigkeitsfeld ist das der Lohn- oder Erwerbsarbeit. Eine Tätigkeit, in der wir gegen Bezahlung bestimmte Aufgaben erfüllen. In unserer sehr arbeitsteiligen Gesellschaft, in der sehr viele Güter und Dienstleistungen gekauft oder bezahlt werden müssen, ist es für die meisten Menschen notwendig, eine Tätigkeit auszuüben, die Geld generiert. Nur wenige, z.B. reiche Erb*innen, verfügen über so viel Geld, dass sie sich keine Gedanken darüber machen brauchen.

Dann ist da noch ein dritter Tätigkeitsbereich, der ebenso wichtig ist, aber zu Unrecht oft als Luxus betrachtet wird, nämlich Muße, Kunst und Bildung. Es sind alle jene Tätigkeiten, die einem Menschen ermöglichen, sich weiter zu entwickeln, seine Kreativität und alle sonstigen Fähigkeiten, z.B. auch das kritische Denken. Ein Tätigkeitsfeld, in dem der Mensch Selbstzweck ist.

Der vierte Bereich schließlich ist die Politik, also das gemeinsame Gestalten und Aushandeln der gesellschaftlichen Bedingungen, die das Zusammenleben bestimmen. Ein Bereich, der gegenwärtig allzu leichtfertig abgegeben wird, an „Berufspolitiker“.

In unserer Gesellschaft haben diese vier Tätigkeitsbereiche eine völlig unterschiedliche Wertung. Die Lohnarbeit nimmt einen unverhältnismäßig großen zentralen Raum ein. Alles andere dreht sich darum und wird ihm untergeordnet. Dadurch kommen die anderen Tätigkeitsbereiche viel zu kurz und werden als eher wertlos erachtet. Es verkümmert so vieles bei Vielen. Es breitet sich Ungerechtigkeit aus. Teilhabe wird unmöglich und das Gute Leben für Alle eine unerreichbare Utopie.

Wie lässt sich diese Schieflage verändern?

Zuerst dadurch, dass man die Lage als Schieflage erkennt. Und dann, indem die Gründe dafür analysiert werden. Und dafür sind genau Muße und Bildung notwendig. Und das braucht Zeit. Und damit sind wir bei der Feststellung der unterschiedlichen Wertigkeit von Zeiten. Denn Zeit als Ressource hat eine ganz anderen Stellenwert in der Lohnarbeit als z.B. in der Fürsorge oder der Muße. Je weniger Zeit für die Produktion bestimmter Güter gebraucht wird, desto größer ist die Produktivität. Und Produktivität ist ein zentrales Kriterium in diesem Bereich, wo Wertschöpfung durch möglichst große Einsparung von Arbeitszeit bestimmt ist. Arbeit muss hier so organisiert werden, dass möglichst viel Zeit eingespart wird. In der Fürsorge dagegen darf keine Zeit eingespart werden. Die Qualität der Fürsorge hängt maßgeblich von der Menge der zur Verfügung stehenden Zeit ab. Es gibt eben (Lebens-)Prozesse, die sich nicht ungestraft beschleunigen lassen. Die Logik der Wertschöpfung durch industrielle Produktion für den Markt darf nicht in die anderen Tätigkeitsbereiche übertragen werden, weil dort Wertschöpfung, also die Schaffung von Wertvollem einer ganz anderen Logik folgt.

Eleonora Roldan Mendivil ergänzte Friggas Ausführungen mit einem Bericht über die Bildung des Berliner Frauen*streikbündnisses. Wir leben in einem historischen Moment, wo an vielen Orten der Welt, und besonders an ihren sogenannten Rändern (Lateinamerika, Indien) aber auch in den USA, in Spanien und Polen sich gerade Frauen* massiv mobilisieren. Sie lehnen sich auf gegen Patriarchat und Kapitalismus. Und da sollten – oder besser: können auch wir in Deutschland ganz unterschiedliche Spektren, die eine gesellschaftliche Veränderung wollen, mutig bündeln, um gemeinsam die große Transformation zu gestalten.

Dafür müssen wir miteinander ins Gespräch kommen und uns gegenseitig zuhören, um aus den unterschiedlichen Erfahrungen voneinander zu lernen – (Tätigkeitsbereich der Bildung!). Wir sind erzogen worden und in die Schule gegangen in einem (formellen und informellen Bildungs-)System, das das herrschende neoliberale Patriarchat reproduziert. Der jeweilige Leidensdruck der Einen und Anderen kann aber dazu führen, das Hergebrachte zu hinterfragen. Und zusammen können wir dann gemeinsam neue Antworten suchen und finden. Feminist*innen haben schon immer die eigene Erfahrung als wichtige Wissensquelle betrachtet. Wir müssen Expert*innen sein für unser eigenes Leben oder es werden.

Um das bisher in der patriarchalen und neoliberalen Sozialisation Erlernte zu verlernen und ein neues Denken zu entwickeln, braucht es Zeit. Und es braucht Erfahrungen, die gemacht und analysiert werden müssen. Wenn wir uns also auf den Weg machen, uns und die Gesellschaft zu verändern, werden wir einen langen Atem brauchen. Das wird nicht von heute auf morgen gehen, sondern erst allmählich. Es muss ein Prozess sein, der sich von unten nach oben, von den Rändern zur Mitte hin vollzieht, damit nicht nur kleine Trostpflaster verteilt werden, ohne dass die Strukturen angetastet werden. Wir müssen uns auf den Weg machen und uns gemeinsam selbst ermächtigen, und immer mehr werden, die daran arbeiten, die herrschende Wertigkeit der Tätigkeitsbereiche umzuwerten und somit auch die herrschende symbolische Ordnung zu verändern.

Die nächste konkrete Etappe ist der 8. März 2019. Unsere Aktionen an dem Tag werden sein wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird. Die Wellen werden immer weiter und weiter werden.

Gelegenheit, sich mit auf den Weg zu machen gibt es am 9.11. in Göttingen, Dort findet nämlich das nächste überregionale Netzwerktreffen von Care Revolution statt, und an den beiden darauf folgenden Tagen ein großes Vernetzungstreffen des Frauen*streikbündnisses.

Elfriede Harth

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