Über den Schatten springen – Arbeitsbeziehungen und Care-Arbeit

 

Michaela Evans, Institut Arbeit und Technik (IAT), Forschungsschwerpunkt Gesundheitswirtschaft
und Lebensqualität (GELL)

1. Es ist ohne Zweifel so, dass Erwerbs-Arbeit in den gesellschaftlich wichtigen Feldern Gesundheit und Pflege, Bildung, Erziehung und Soziales in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen hat.

2. Es ist ohne Zweifel so, dass der Druck auf die Beschäftigten auf diesen Arbeitsplätzen gewachsen ist. Dies ist vor allem darauf zurückzuführen, dass die Anforderungen an die Arbeit steigen, die benötigten Ressourcen aber vielfach eng sind oder nicht zur Verfügung stehen. Die Folge sind Arbeitsverdichtung, steigende Arbeitsbelastung für die Beschäftigten und zum Teil auch volatile wirtschaftliche Situationen für Unternehmen und Einrichtungen.

3. Warum sind die Ressourcen in den Arbeitsfeldern Gesundheit und Pflege, Bildung, Erziehung und Soziales knapp? Sobald hier die Forderung nach zusätzlichen Mitteln formuliert wird, argumentieren die „klassischen“ Wirtschaftsbereiche und auch die Politik, dass nicht mehr Mittel zur Verfügung stehen. Was steckt dahinter? Zum einen die Sorge, dass die Lohnnebenkosten im Rahmen der Sozialversicherung steigen und dies der Wettbewerbsfähigkeit sog. Leitbranchen in Deutschland schaden könnte. Dieses Argument ist kaum zutreffend. Es liegen Studien vor die zeigen, dass mehr Investitionen in Gesundheit und Soziales die Gesamtwirtschaft nicht belasten, sondern sie stärken! Und mit Blick auf die Politik ist es durchaus eine offene Frage, ob die Menschen nicht bereit wären, für eine Gesundheit und Soziales mehr Geld auszugeben.

4. Was ist nun meine Kritik? In allen anderen „großen“ Leitbranchen ist es möglich, dass Arbeitgeber und Arbeitnehmer gemeinsam Standards für bessere Arbeitsbedingungen verhandeln. Im Bereich Gesundheit und Pflege, Bildung, Erziehung und Soziales (Sozialwirtschaft) ist dies derzeit aber nicht möglich, weil die Strukturen bei den Arbeitgebern so zersplittert sind, jeder in seinem System verhandelt und es auch auf gewerkschaftlicher Seite unterschiedliche Interessenvertretungen gibt. In der Folge haben wir ein großes Beschäftigungsfeld, das für die Gesellschaft und die Wirtschaft enorm wichtig ist und auch dem Wettbewerb ausgesetzt ist. Anders als in anderen Branchen fehlen aber integrierende Strukturen zur Kommunikation, Aushandlung und Durchsetzung gemeinsamer arbeitspolitischer Interessen im Wettbewerb. Oder anders: Die Sozialwirtschaft ist mit Blick auf die Gestaltung von Arbeits- und Entgeltbedingungen derzeit nur begrenzt politikfähig und in der Lage, gemeinsam bessere Standards für die Arbeitswelt auszuhandeln und durchzusetzen.

5. Und hier müssten künftig die beteiligten Verbände sowohl der Arbeitgeber als auch der Arbeitnehmer mehr Verantwortung übernehmen: Untereinander, gegenüber der Politik, gegenüber den Kostenträgern und gegenüber anderen Wirtschaftsbranchen. Es wäre an der Zeit, nicht nur Mindestarbeitsbedingungen (Mindestlohn) zu verhandeln, sondern sich gemeinsam an den Tisch zu setzen und im Interesse der Beschäftigen zu handeln!

6. Dies setzt aber voraus, dass die Akteure über Ihren Schatten springen, also paradox handeln: Die Gewerkschaften müssten anerkennen, dass es derzeit eben auch das kirchliche Arbeitsrecht gibt, die Kirchen müssen anerkennen, dass Menschen sich gewerkschaftlich engagieren wollen und alle müssen anerkennen, dass es eben auch private Arbeitgeber gibt. Diese sind in vielen Regionen Deutschlands in der Pflege strukturrelevant. Übrigens: Unser Sozialgesetzbuch XI betont den Vorrang der freien und privaten Träger! Statt sich wechselseitig mit Vorwürfen zu konfrontieren, ist es an der Zeit, gemeinsam Politik für und mit den Beschäftigten zu gestalten.

Also: Gemeinsame Interessen organisieren!
In anderen Ländern geht das schon.

Siehe auch von der gleichen Autorin zu diesem Thema: WISO Direkt, 09/2016

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