Grundeinkommen und Carearbeit – der Weg zu einer gerechten gesellschaftlichen Arbeitsteilung?

antje

Arbeit und Leben Hessen hat mit dieser Auftaktveranstaltung ihrem Bildungsurlaub zu Bedingungsloses Grundeinkommen – Utopie oder reale Möglichkeit?  einen besonders spannenden Kick-off gegeben. Als Referenrin wurde Antje Schrupp eingeladen, die seit über zehn Jahren zu diesem Thema schreibt und diskutiert.

Fazit des Abends war, – was die Antwort auf die gestellte Frage betrifft -, dass das BGE nicht DER Weg ist, aber doch eine reale Chance darstellt, dass gesellschaftlich notwendige Arbeit anders, nämlich gerechter verteilt wird. Dass das BGE einer unter vielen anderen Bausteinen ist, die ein Gutes Leben ermöglichen können. Aber dass eben viele andere nötig sind. Wie Antje Schrupp es zusammenfaßte, das BGE ist keine eierlegende Wollmilchsau.

Die symbolische Bedeutung der Trennung von Arbeit und Einkommen

Das BGE würde – für alle – Arbeit und Existenzsicherung trennen. Schon heute wird der größte Teil der geleisteten Arbeit unentgeltlich erledigt. Viele Menschen (z.B. Hausfrauen und Hausmänner) erledigen heute einen bedeutenden Teil notwendiger und wünschenswerter Tätigkeiten, ohne dafür Geld zu bekommen. Das Einkommen, auf das sie zurückgreifen, und das sie, wie wir alle, zum Leben brauchen, ist keine Gegenleistung für diese Arbeit. Kein Job-Center erkennt diese Arbeit als solche an. Auch gibt es Einkommen, die der Sozialstaat unter bestimmten Unständen zahlt, die aber nicht an eine Arbeitsleistung gebunden sind, z. B. Kindergeld, das Ehegattensplitting, früher die Sozialhilfe, etc.. Gleichzeitig gibt es Menschen, die ein Einkommen haben, ohne je dafür gearbeitet zu haben. z.B. Personen, die geerbt haben. Es gibt also schon heute eine Trennung von Arbeit und Einkommen. Aber durch das BGE würde die symbolische Bedeutung dieser Trennung zwischen Arbeit und Einkommen ganz offensichtlich werden.

Ein leistungsfreies Einkommen würde darüber hinaus die Motivation für das Arbeiten insofern verändern, als viel mehr Menschen Tätigkeiten nachgehen könnten, die sie sinnvoll finden, auch wenn diese nicht oder nur geringfügig bezahlt werden. Denn ihre Existenz wäre abgesichert.

Die gesellschaftliche Verteilung der “Dreckarbeit”

Die Frage, die sich die feministische Wirtschaftsethik schon lange stellt ist: wenn die Menschen frei entscheiden können, was sie arbeiten wollen, wer erledigt die Arbeit, die manche Menschen nicht selbst machen können? z.B. Neugeborene, Alte, Kranke, Behinderte? Wer erledigt die Arbeit, die keiner machen will, die aber notwendig ist für das Überleben oder das Wohlergehen von Menschen?

Große Teile dieser Arbeit wurde bislang von Frauen erledigt, die von Kind an so sozialisiert wurden, dass sie es als ihre Aufgabe ansahen. Oder sie wurde von Menschen geleistet mit einem sozial niedrigirem Status. Vielfach wurden diese Menschen dazu gezwungen, entweder mit Gewalt und Freiheitsentzug (Sklaverei) oder indem ihnen sonst jegliche Existenzgrundlage entzogen wurde (prekäre Lohnabhängigkeit). Die letzte Generation Frauen, die noch so sozialisiert wurden, dass sie das Ausüben unbezahlter Carearbeit als Teil ihrer Identität ansahen, sind die Babyboomer. Wenn diese Generation aber diese Arbeit nicht mehr leisten kann oder wegstirbt, wer wird sie dann tun? Frauen der nachfolgenden Generationen sind bereits mit einem anderen Selbstverständnis aufgewachsen.

Was ist “Dreckarbeit”?

In der Diskussion nach dem Vortrag wurden verschiedene Beispiele von Dreckarbeit genannt, die nach Einführung des BGE wahrscheinlich niemand mehr erledigen würde. Wer würde noch Klos Putzen? 1. Jemand, der dafür so viel Geld bekommt, dass er oder sie diese Arbeit übernimmt. 2. Die Arbeit wird automatisiert. 3. Man macht es selbst. 4. Niemand macht es und man muss mit einem versifften Klo leben, wie es schon vielfach an vielen Orten geschieht.

Wer würde nach Einführung des BGE noch bereit sein, einen verstopften Kanal zu reinigen? Wenn der Gestank und die gesundheitlichen Risiken eine bestimmte Dimension erreichen würden, würde man wahrscheinlich schnell eine Lösung finden.

Schließlich kam die Frage auf, warum es aber ekelerregende Tätigkeiten gibt, die heute freiwillig getan werden, gut bezahlt sind und einen hohen sozialen Status haben? z.B. die Operation eines Menschen, der eine stinkende, höchst ansteckende Krankheit hat?

Dreckarbeit ist also auch nur eine soziale Konstruktion. Und ein BGE könnte vielleicht dazu beitragen, dass eine Umwertung von Tätigkeiten einsetzt. Mit anderen Worten, es ist eine kulturelle Revolution notwendig, damit in unserer Gesellschaft mehr Gerechtigkeit entsteht und sowohl Arbeit als auch Wohlstand und soziales Ansehen besser verteilt werden. Das BGE KÖNNTE dazu beitragen. Wenn wir es in dieser ganzen Komplexität denken und verwirklichen.

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