Equal Care Day – 2017

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Stellen Sie sich vor, Sie sind unterwegs in einem fremden Land, an einem abgelegenen Ort, und plötzlich werden Sie ausgeraubt, es bleiben Ihnen lediglich die Kleider auf dem Leib. Auf einmal wird Ihnen bewußt, dass Sie völlig hilflos darauf angewiesen sind, dass Ihnen fremde Menschen helfen. Dass sie Ihnen ein Stück Brot und einen Schluck Wasser reichen, Ihnen einen Unterschlupf wenigstens unter dem Vordach ihres Hauses gewähren, statt gleich ihre Hunde auf den Fremdling zu hetzen.

In solch einer Situation wird plötzlich sichtbar, wie grundlegend all diese Selbstverständlichkeiten sind, die wir tagtäglich genießen, ohne uns dessen bewußt zu sein: Dass wir einen Wohnsitz haben mit einem Dach über den Kopf, dass es eine Küche gibt, in der Lebensmittel gelagert und zubereitet werden können, dass es ein Klo gibt, auf dem man seine Notdurft erledigen kann, ein Bad, wo fließend Wasser aus der Wand kommt, mit dem man sich waschen kann, dass man abends ein Bett oder eine sonstige Schlafstatt findet, in der man warm und sicher die Nacht verbringen kann, dass in der Küche Lebensmittel vorrätig sind oder wir im Supermarkt welche kaufen können. Dass wir Kleider haben, um uns zu kleiden und unter die Menschen zu gehen. Ohne all diese Selbstverständlichkeiten könnten wir “alles andere” gar nicht tun. “Alles andere”, z.B. einem Beruf nachgehen, um Geld zu verdienen.

Diesen selbstverständlichen Teil des Lebens blenden wir häufig aus, wenn wir gefragt werden, “was wir denn im Leben tun”. Und die Leute, die uns danach fragen, setzen diesen Teil des Lebens als so selbstverständlich voraus, dass er nicht der Rede Wert ist. Sie interessieren sich gar nicht dafür. Denn wir definieren uns in unserer Gesellschaft über das was wir “sonst” tun. Das ist, was uns eine Identität verleiht, einen Status. Das Selbstverständliche wird einfach ausgeblendet, obwohl es eine Voraussetzung dafür ist, dass wir “das Andere” überhaupt machen können.

Gleichzeitig ist die Rede davon, dass jeder erwachsene Mensch in unserer Gesellschaft “sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen” sollte. d.h. “das Andere” hat die Funktion, uns “das Selbstverständliche” finanziell zu ermöglichen. Und es ist ebenfalls die Rede von einer “Work-Life-Balance”, also wird “das Andere” im Grunde – ob bewußt oder unbewußt – als “Nicht-Leben” bezeichnet. Und gleichzeitig aber auch das “Selbstverständliche” als “Nicht-Arbeit”.

Da Zeit eine nichterneuerbare knappe Ressource ist, müssen wir entscheiden, wie wir sie zwischen beiden Bereichen verteilen. Was wir in den einen Bereich investieren, wird nicht mehr vorhanden sein für den anderen. Zeit, die in den Bereich “Leben” – um mal diese (fragwürdige) Sprachregelung zu verwenden – investieren, ist nicht mehr verfügbar für den Bereich “Arbeit”. Zeit, die im Bereich “Arbeit” verbraucht wird, fehlt für den Bereich “Leben”.

Der Bereich “Leben” generiert kein Einkommen. Wer nicht über so viel Geld verfügt, dass er oder sie dieses Geld “für sich arbeiten” lassen kann, ist gezwungen, aus dem Bereich “Leben” in den Bereich “Arbeit” hinüberzuwechseln und dort tätig zu werden, um sich ein Einkommen zu sichern. Doch der Bereich “Leben” erfordert ein Minimum an (Lebens-)Zeit. Es ist nicht möglich, ganz aus dem Bereich “Leben” auszusteigen. Wir alle müssen wenigstens einige Stunden am Tag schlafen. Wir können allerdings eine ganze Reihe Tätigkeiten, die zum Bereich “Leben” gehören, delegieren. Entweder an jemanden, der diese Tätigkeiten unbezahlt erledigt, oder an jemanden, den wir dafür bezahlen. Bezahlen wir jemanden dafür, dann werden für diesen Menschen diese Tätigkeiten zu “Arbeit”. Werden diese Tätigkeiten aber unbezahlt erledigt, werden sie unsichtbar.

Aus geschichtlichen Gründen ist der Zugang zu den Bereichen “Leben” und “Arbeit” in unserer Gesellschaft ungleich verteilt. Heute wird diese ungleiche Verteilung immer fragwürdiger, denn es entwickelt sich aus dieser ersten ungleichen Verteilung eine Spirale der Nachteile, die Auswirkungen auf viele andere Bereiche haben. So ist z.B. dem Pay-Gap, der Entgeltungerechtigkeit im Bereich “Arbeit” nicht beizukommen, wenn sich nicht erst die Verteilung der Tätigkeiten im Bereich “Leben” verändert, hin zu mehr Gerechtigkeit.

Der Equal Care Day will diese Problematik bewußt machen und Lösungen suchen. Am 28. Februar 2017 wird er zum ersten Mal in Frankfurt begangen. Hier zum Programm.

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2 Gedanken zu “Equal Care Day – 2017

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