Unsichtbarer Reichtum

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Zeit-Geld-Leben

Am 13.-14. Mai fand in Berlin ein bundesweites Netzwerktreffen von Care Revolution statt. Ein einhalb Tage lang wollten wir uns austauschen über Perspektiven des Netzwerks und wie wir die nächste Zukunft gestalten wollten / könnten. Die Diagnosen der Carekrise sind formuliert, wie können wir einen Weg aus dieser Krise finden, wie welche Veränderungen anstoßen…..

Solch ein Netzwerktreffen mobilisiert allerlei Ressourcen. Wie könnte man diese sichtbar machen?

Eines der Hauptanliegen von Care Revolution ist ja gerade unsichtbare Arbeit sichtbar zu machen, den Blick zu schärfen für den “wahren Reichtum der Nationen” (Riane Eisler). Ich hatte die Idee, die Teilnehmenden zu bitten, anonym einen kleinen Fragebogen auszufüllen, auf dem sie auflisten sollten, wieviel Geld sie ausgegeben hätten, um an dem Treffen teilzunehmen, und wieviel Zeit sie in dieses Treffen “investiert” hätten. Zwei Ressourcen, die in unserer Arbeitswelt eine zentrale Rolle spielen, wenn es darum geht, die “Kosten” einer Ware zu bestimmen. Zwei Ressourcen, mit denen der Wert einer Tätigkeit gemessen wird. Zwei Ressourcen, die im Kapitalismus selbst wichtige Waren sind.

Es wurde darauf hingewiesen, dass diese kleine Übung für eine Arbeitsgruppe zu Care und Grundeinkommen von Interesse sein würde.

Politische Arbeit, Demokratiearbeit ist eine Care-Arbeit, denn es geht um die Sorge für ein lebensbejahendes System. Es ist eine notwendige Arbeit, die oft nicht so wahrgenomen wird.

Folgende Tabelle sollte helfen:

WAS

Zeit

Geld

Fahrt nach Berlin

Übernachtung

Sonst

Vorbereitung

Teilnahme

Gesamtsumme

Elf der Teilnehmenden warfen einen Zettel in die vorgesehene Urne.

Niemand machte Gebrauch von dem “Raum für eventuelle Kommentare, Vorschläge, Ideen” am Fuß der Tabelle.

Hier das Ergebnis dieses kleinen Experiments:

GELD:

Die 11 Teilnehmenden gaben insgesamt 334 Euro aus. Davon entfielen bei einer Person 97,60 Euro für zwei Übernachtungen an, 5 Personen gaben an, für Fahrtkosten insgesamt 210 Euro ausgegeben zu haben. Der Rest waren Auslagen und eine Essensspende. Sechs Personen gaben keinerlei Fahrt- oder sonstige Ausgaben an. Wenn wir trotz dieser Ungleichheiten die Gesamtsumme auf alle 11 Teilnehmenden aufteilen, wie es Statistische Ämter häufig tun, dann ergibt das einen Betrag von etwa 30 Euro / Person.

ZEIT:

Wenn schon Geld für Menschen einen ziemlich unterschiedlichen Stellenwert hat (30 Euro können z.B. ein Budget außerordentlich belasten, während es für jemand anderes eine vernachlässigbare Summe darstellt), so läßt sich Zeit noch viel schwieriger messen und erst recht bewerten. Denn im Gegensatz zu Geld ist Zeit eine nicht erneuerbare Ressource. Selbst im Leben eines einzelnen Menschen hat Zeit ganz unterschiedliche Qualitäten. Es kann Momente im Leben geben, da “schlagen wir die Zeit tot”, weil sie wertlos erscheint und wir uns “langweilen”. Dagegen gibt es andere Momente, wo jede Sekunde von einer solchen Dichte und Intensität ist, dass sie unendlich kostbar erscheint. z.B. wenn sich jemand verliebt, wenn jemand sehr schwer krank ist, etc.. So bleibt bei unserem kleinen “Grundeinkommenversuch” auch nur die Möglichkeit, die angegebene Zeit als chronologisches Phänomen zu erfassen, und es als solches stehen zu lassen, ohne den Versuch zu unternehmen, es z.B. in Geld auszudrücken, wie wir es vom Erwerbsleben gewohnt sind, wenn durch Lohn Zeit in eine normierte Ware verwandelt wird. Wobei Zeit, je nach Person, Stand, Geschlecht, etc… einen unterschiedlichen Marktwert hat.

283,5 Stunden ist die Gesamtsumme der von unseren 11 Teilnehmenden angebenen Stunden, wobei eine Person keine Stundenzahl angegeben, sondern die investierte Zeitressource als “viel” bewertet hat. Drei Personen, die nicht in Berlin leben, haben insgesamt 6 Nächte nicht daheim verbringen können. So ähnlich – wenn auch natürlich anders – wie migrantische 24-Stunden-Pflegerinnen, die während der Nacht nicht in ihren Familien sein können.

50 Stunden sind insgesamt für Fahrten zum NWT verbraucht worden. Das ist knapp ein Sechstel der angegebenen Zeit. Ähnlich wie die Übernachtungszeit kann sie bis zu einem gewissen Grad selbstbestimmt gestaltet werden (mit Lesen, Schlafen, Telefonieren, Nachdenken, aus dem Fenster Schauen…). Aber sie ist dennoch nicht frei verfügbar.

Auch hier ist der Input an Zeit ganz unterschiedlich verteilt. So hat eine Person 40 Stunden in Vorbereitung investiert, drei je 10 Stunden und nur eine gar keine Zeit. Insgesamt haben diese 11 Personen 86,5 Stunden lang das Treffen vorbereitet. In die Teilnahme am Treffen selbst wurden von diesen 11 Personen insgesamt 147 Stunden investiert. Teilen wir hier wieder die Gesamtzeit durch 11 ergibt das einen Betrag von knapp 26 Stunden pro Person, wenn wir mal die sechs Übernachtungen unberücksichtigt lassen.

Wenn Menschen mit großer intrinsischer Motivation gemeinsam an einer Sache arbeiten, dann entsteht eine Synergie, die die eingebrachten Ressourcen multipliziert (“Schwarmintelligenz”). Nicht nur das gemeinsam Erarbeitete ist dann größer, als es die Summe von in Vereinzelung Erarbeitetem. Jede teilnehmende Person wird auch individuell “bereichert” durch neue Erkenntnisse, bestärkende oder herausfordernde. Und das wirkt sich aus auf ihr jeweiliges Umfeld, denn wir leben in Beziehungsnetzen.

Ein Hinderniss für die Teilnahme an solchen Prozessen ist leider nicht selten die Tatsache, dass Menschen ihre Zeit für Tätigkeiten verbrauchen müssen, die ihnen eine Existenzsicherung gewährleisten (soll), und ihnen diese Zeit dann fehlt, um sich wie hier z.B. in politischer Arbeit zu engagieren.

Was würde ein Bedingungsloses Grundeinkommen verändern?

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