Warum ist der feministische Streik vom 8.März auch ein Konsumstreik?

Der feministische Konsumstreik vom kommenden 8.März zielt darauf ab, auf die Auswirkungen der Konsumgesellschaft auf das Leben der Frauen aufmerksam zu machen und zu verdeutlichen, dass die gegenwärtige Produktionsform radikal verändert werden kann und muss.

Das dominierende Wirtschaftssystem beruht auf dem Dreiklang von Produktion, Konsum und Wachstum. Produktion wird alles genannt, was den Reichtum wachsen lässt, gemessen ausschließlich in monetären Kategorien, unabhängig davon, ob das, was produziert wird – Waren und/oder Dienstleistungen – den menschlichen Bedürfnissen dient oder nicht.

Die Produktion zielt darauf ab, die Wirtschaft wachsen zu lassen, indem sie behauptet, dass Wirtschaftswachstum die Lebensbedingungen der Menschen absichert. Wachstum und Geld werden zu einen Glauben: Wir glauben und fühlen, dass wir statt Nahrung, Unterkunft, Gesundheit oder Wasser Geld brauchen. Entwicklung verkommt zu einem Wettbewerb, der verzweifelt versucht, neue „Bedürfnisse“ zu schaffen, mehr zu produzieren, mehr Nachfrage zu erzeugen und so Wachstum zu generieren, weil der angeblich allen zugute kommt.

Den wirtschaftlichen Stoffwechsel mit solch einer Logik am Laufen zu halten zwingt uns zu einer expansiven Dynamik, die den Einsatz immer größerer Mengen an Energie, Mineralien, Wasser und Land erfordert und riesige Abfallmengen erzeugt.

Das Problem besteht jedoch darin, dass wir versucht haben, dieses exponentielle Wachstum auf einer endlichen materiellen Basis aufrechtzuerhalten. Obwohl die Wirtschaft sich weigert sie zu sehen, sind die physischen Grenzen einfach da und wissenschaftliche Informationen zeigen, dass seit den 80er Jahren die globale Biokapazität der Erde überschritten wurde.

Die Schattenseite von Entwicklung ist die Verarmung der materiellen Basis, die Wirtschaft trägt. Die kapitalistische Logik hat den Bedarf an Rohstoffen und die Erzeugung von Abfall exponentiell vergrößert.

Produktivistisches und konsumorientiertes Wachstum hat letztendlich den Schwund fossiler Energieträger und Mineralien und die Veränderung der regenerativen Kreisläufe der Natur verursacht, die nach wie vor unerlässlich sind, um die Befriedigung der Bedürfnisse zu gewährleisten.

Der ökonomische Fundamentalismus versteht weder menschliche Bedürfnisse noch physische Grenzen. Er denkt nur in der abstrakten Welt des Monetären und richtet sein Handeln so aus, dass alles dem Wirtschaftswachstum geopfert wird. Er opfert ihm Berge, Flüsse, Tiere, menschliche Lebensbedingungen und Gesundheit. Jegliche Zerstörung, Verschmutzung, Krankheit oder Ausbeutung rechtfertigt sich, wenn nur die Wirtschaft wächst.

Die „kollateralen Effekte“ der Beschaffung von Produkten mit hoher Wertschöpfung sind Extraktivismus, Wälderzerstörung, Monokulturen, toxische Agrochemikalien, der Bau von Mega-Infrastrukturen, die Ausbeutung von Menschen und Tieren und natürlich die Aufstellung und Unterhaltung von staatlichen oder privaten Armeen, die die Ordnung aufrechterhalten sollen, wenn sich die Völker weigern, sich und ihre Territorien auf den Altären der Entwicklung opfern zu lassen.

Was hat das mit dem 8M-Streik zu tun? Warum ein Konsumstreik?

Die Opferlogik wirkt nicht auf alle Menschen gleichermaßen. Sie ist ungleich und wirkt je nach Klasse, Herkunft und Geschlecht sehr unterschiedlich. Frauen – insbesondere arme und rassifizierte Frauen – sind am stärksten von dieser perversen Identifikation zwischen Entwicklung und der Spirale von Produktion, Konsum und Wachstum betroffen.

Sie leiden darunter, vor allem als prekäre Arbeiterinnen. Frauen sind in den am stärksten unterbezahlten Sektoren überrepräsentiert: Reinigung, Hotel- und Gaststättengewerbe, Tourismus, Einzelhandel, soziale Dienste, Pflegeheime und Haus- und Sorgearbeit, persönliche Dienstleistungen, Freizeitaktivitäten. Wir sind auch die Mehrheit in den Niedriglohnsektoren der verarbeitenden Industrie, wie z.B. Textilien und Bekleidung oder der Produktion von Schuhen, die in verarmten Ländern angesiedelt sind.

In diesen Sektoren werden Sklaverei und entwürdigende Praktiken verschleiert: Es gibt keine Verhältnismäßigkeit zwischen den Zeiten für Erholung und Arbeitsstunden. Arbeiterinnen sind gezwungen, Windeln zu tragen, um „keine Zeit zu verlieren, auf die Toilette zu gehen“. Sie werden entlassen, wenn sie schwanger werden und sind ständigen sexuellen Belästigungen ausgesetzt. Sie sind gezwungen, zu unsicheren Uhrzeiten aus dem Haus zu gehen und nach Hause zurückzukehren, werden von Prostitutionsnetzwerken ausgebeutet, verschwinden und werden getötet.

Dies sind die Bedingungen, die den Konsum von Produkten in großem Maßstab ermöglichen. Ein massiver Konsum dieser Produkte ist möglich, weil es eine schreckliche Ausbeutung derjenigen gibt, die für ihre Herstellung arbeiten, und die Ausbeutung erfolgt unter dem Vorwand, dass es sich um Sektoren mit geringer Produktivität handelt. Es ist vielsagend, dass diejenigen Sektoren immer als weniger produktiv bezeichnet werden, die arbeitsintensiver sind.

Zweitens: Frauen erleben auf brutale Weise den Extraktivismus und den Bau von Infrastrukturen, die den wirtschaftlichen Stoffwechsel am Leben halten. Frauen führen die Kämpfe an und manchmal gelingt es ihnen, den Arm der Macht zu beugen; sie sind gezwungen, Widerstand mit Tätigkeiten im Bereich von Produktion und von Sorgearbeit zu vereinbaren, in Kontexten von Gewalt und Konflikten; und ihre Körper werden als Schlachtfelder und Orte der Bestrafung benutzt. Unterschiedliche Menschenrechtsorganisationen machen aufmerksam auf Situationen von Einschüchterung und Belästigung, von Drohungen, Verleumdungskampagnen, Gewalt, irregulärer Inhaftierung und Ermordung von Frauenaktivistinnen. Das Konsummodell fällt auf sie wie eine Grabplatte.

Drittens leiden Frauen in größerem Maße unter der gesundheitlichen Beeinträchtigung, die durch Umweltverschmutzung oder übermäßigen Einsatz von Chemikalien im Produktionsprozess verursacht wird. Die Ursache des größten Leidens ist der größere Fettanteil im weiblichen Körper (15% mehr). Die Schadstoffe „bioakkumulieren“ sich im Fettgewebe.

Die Wirkungen einiger chemischer Mittel wie Pestizide, Lösungsmittel, Anästhesiegase, Dioxine, polychlorierte Bisphenole und Abfallprodukte aus der Verbrennung von Benzin verursachen Störungen in der Entwicklung des Fötus und beim Menschen Veränderungen im Hormonhaushalt, mehrfache chemische Überempfindlichkeit, Veränderungen der Immunität, chronische Müdigkeit und Fibromyalgie.

Es gibt Studien, die kausale Zusammenhänge zwischen der Verwendung von Lösungsmitteln und Brust- und Nierenkrebs sehen; sie dokumentieren die Zunahme von Melanomen, Harnblasenkrebs bei Landwirtinnen in Italien und das erhöhte Risiko von Eierstock-, Magen- und Speiseröhrenkrebs bei Frauen, die Benzol ausgesetzt sind, mit Asbest kontaminiertem Talk, und anderen Industrieprodukten.

Es ist ebenfalls dokumentiert worden, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Frauen mit Leukämie und ihrer Exposition gegenüber Benzol, anderen Lösungsmitteln, Vinylchlorid und Pestiziden, die in der Lebensmittel-, Textil- oder Bekleidungsindustrie verwendet werden. Bei Frauen, die Asbest, Metallen (wie Arsen, Chrom, Nickel und Quecksilber) ausgesetzt sind, z.B. Arbeiterinnen im Automobilbau, in der Lebensmittelindustrie, in Kosmetik- und Friseursalons, nimmt der Lungenkrebs zu.

Die chemische Verschmutzung wirkt sich außerdem je nach Alter der exponierten Personen unterschiedlich aus. Das zentrale Nervensystem ist am anfälligsten während der embryonalen Entwicklung des Fötus und der frühen Kindheit, aber auch während des Verfalls des Nervensystems bei älteren Menschen über 65 Jahren.

Da Frauen vor allem in der Sorge für junge und alte Menschen tätig sind, nehmen sie, auch wenn sie nicht selbst erkranken, letztendlich auch die Folgen der Krankheit derer, die sie pflegen, auf sich.

Wir könnten hier weiter aufzählen und kämen zu keinem Abschluss. Aber das Thema lässt sich vertiefen, indem wir Artikel und Veröffentlichungen konsultieren, zum Beispiel von Carme Valls (feministische Medizinerin, die eine Medizin mit Genderperspektive propagiert, und Abgeordnete im katalanischen Parlament, Anmerk, d. Übersetzerin).

Viertens: Die Folgen der Umwelt- und Klimakrise, die direkt durch die selbstmörderischen Produktions- und Konsummodelle verursacht werden, wirken sich wiederum härter auf die Ärmsten aus.

Carmen Gómez-Cotta erinnert sich: „Im Zyklon 1991 in Bangladesch waren 90% der 150.000 Toten Frauen. Der Grund? Sie hielten sich in ihren Häusern auf. Sie verlassen sie nicht, bevor es nicht die Kinder und die Alten getan haben.

Ein großer Teil der Verantwortung für die Herstellung und Verarbeitung von Lebensmitteln und die Instandhaltung ihrer Häuser liegt bei den Frauen. Sie leiden daher noch stärker unter den Auswirkungen extremer Witterungseinflüsse, dem Verschwinden von Wasser, der Verschlechterung des Bodens und der erzwungenen Vertreibung. Auch wenn die Ressourcen knapp werden, wollen Frauen in der Regel zuerst ihre Männer und Kinder essen lassen, bevor sie sich selbst ernähren.

Dies ist eine kleine Auswahl der Folgen einer Produktions- und Konsumweise, die für einige Wenige Vorteile bringt, aber die Bedingungen missachtet, die der sozialen Mehrheit ein menschenwürdiges Leben ermöglichen.

Ich bin mir sicher, dass es Leute geben wird, die meinen, ich übertreibe, aber die Daten sind hartnäckig, und sie tauchen auch nachdrücklich auf in den Analysen und Diagnosen internationaler Organisationen, die nicht unter dem Verdacht des radikalen Ökofeminismus stehen.

Es ist sehr wichtig, die Produktion in eine Kategorie zu verwandeln, die mit der Erhaltung des Lebens und nicht mit seiner Zerstörung verbunden ist. Auf einem Planeten, dessen Grenzen überschritten sind, zwingt diese Transformation diejenigen, die übermäßig viel konsumieren, diesen Konsum zu reduzieren.

Er zwingt ebenfalls dazu, über Produktionsformen nachzudenken, die weder die Menschen noch die Erde vergiften, die sich von programmierter Obsoleszenz verabschieden, eine Kultur der menschenwürdigen Genügsamkeit befördern und Gerechtigkeit und Verteilung des Reichtums in den Mittelpunkt von Politik und Wirtschaft stellen.

Der Konsumstreik am kommenden 8M (8. März 2018) will nicht nur aufmerksam machen auf die Auswirkungen des Konsums auf das Leben der Frauen. Er will verdeutlichen, dass diese Produktionsweise schädlich ist für die Gesamtheit des Lebens und daher dringend geändert werden kann und muss.

Leicht gekürzte Übersetzung eines Artikels von Yayo Herrero  in der in der spanischen Zeitung El Diario erschienen ist.

 

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