Sorgearbeit im Zentrum der Wirtschaft

Warum Care und Degrowth zusammen gehören

von Andrea Vetter | 4. Oktober 2019

Wir sitzen gemeinsam in einem großen Zelt, etwa 20 Frauen*, die meisten weiß, viele unter 30 Jahre alt. Wir schwitzen in der heißen Augustsonne, die nur mäßig von den Zeltplanen abgehalten wird. Von fern dringt das Geräusch der Kohlebagger zu uns, monoton knatternd. Mia Smettan, die Workshop-Leiterin, lädt uns ein, in der nächsten Stunde über unsere Care-Biographien zu sprechen: wir suchen uns dafür Symbolbilder aus, die sie mitgebracht hat, und bilden schließlich eine Skulptur unserer Erfahrungen aus Alltagsgegenständen.

Es ist interessant und aufregend, sich seine Lebensgeschichte über Sorgetätigkeiten zu erzählen, und nicht über Job oder Studium. Eine Person in unserer Kleingruppe spricht über die Krankheit ihres Vaters, die ausgebrochen ist, nachdem die Familie lange Jahre den Großvater gepflegt hatte, und wie sehr sie sich zerrissen fühlt zwischen dem Dasein für den todkranken Vater und ihrer eigenen Berufsausbildung zur Psychologin. Eine andere erzählt davon, dass sie sich in ihrer WG von ihren männlich sozialisierten Mitbewohnern immer in die Mutter-Rolle gedrängt sieht. Sie ist es, die sich darum kümmert, dass der Abwasch erledigt und der Boden gewischt wird. Ich erzähle von der Zeit, die ich mit meiner Tochter verbringe, und wie schwer es mir fällt, das als Arbeit zu bezeichnen – ist eine notwendige Tätigkeit immer auch „Arbeit“? In der Feedback-Runde sprechen einige davon, dass sie sich in Bezug auf Care – also das sich kümmern um junge, kranke oder ältere Menschen, das Kochen, Putzen, Waschen und ganz allgemein die alltäglichen lebensnotwendigen Tätigkeiten – ziemlich kompetent fühlen, aber jetzt statt Putzen auch gerne mehr reparieren und handwerkliche Fähigkeiten lernen wollen.

Sind das nicht auch Care-Tätigkeiten? Die Frage bleibt offen.

„Für mich war es auch ein Experiment, diesen Workshop auf der Degrowth-Sommerschule anzubieten“, sagt Mia, „ich glaube, dass solche Räume für einen persönlichen Austausch auch wichtig sind, um sich noch einmal anders mit politischen Themen zu verbinden.“

Wachstumswirtschaft ist das Problem

Mia ist Mitarbeiterin beim Konzeptwerk Neue Ökonomie, das auch die Degrowth Sommerschule mitorganisiert, das auch 2019 wieder auf dem Klimacamp Leipziger Land Dorf Pödelwitz statt fand, das von der Abbaggerung durch den näherrückenden Braunkohletagebau bedroht ist – daher die Soundkulisse im Workshop-Zelt.

„Was hat die Kohlegrube hier und die Geringschätzung von Care-Arbeit überall miteinander zu tun? Das sind Fragen, die uns interessieren“, erklärt Mia.

Auf dem Klimacamp Leipziger Land ist auch Narlis Guzmán Angulo geladen, die sich in Kolumbien dagegen einsetzt, dass Steinkohle gefördert wird. Steinkohle hier, Braunkohle da – die Strukturen sind ähnlich, „Extraktivismus“ nennen das die Professor*innen, die dazu Artikel veröffentlichen. Deutschland ist Europas größter Braunkohleproduzent – und die Verbrennung der Kohle heizt den Klimawandel weiter an. „Leave cole in the hole and oil in the soil“ skandieren die Aktivist*innen dazu. An einem Abend des einwöchigen Camps spielt Riad Ben Ammar sein Einpersonen-Theaterstück „Eldorado-Europa“ über die Selbstbestimmung von Menschen aus Nordafrika. Auch diese menschengemachte Grenze ist mit Kohle und Care verbunden, das ist hier Konsens. Die Verbindungslinie heißt Wachstumswirtschaft, und Wachstumswirtschaft heißt Kapitalismus. Und der ist der Motor einer Weltwirtschaft, die dabei ist, die größte ökologische Katastrophe des Planeten zu verursachen – Artensterben, Bodendegradation, Wetterextreme – angeheizt und beschleunigt durch den menschengemachten Klimawandel.

Die untere Seite des Eisbergs

Wie aber funktioniert diese Verbindung zwischen Care und Klima genau? Feministische Ökonom*innen haben sich dazu seit vielen Jahrzehnten Gedanken gemacht. Eine wichtige Grundfigur dieses Nachdenkens ist das „Eisbergmodell“. Von einem Eisberg ist bekanntlich nur die Spitze sichtbar, 90 Prozent eines Eisbergs befinden sich meist für uns unsichtbar unter Wasser. Das Eisbergmodell der Wirtschaft zeigt auf, dass das, was landläufig „die Wirtschaft“ genannt wird, nur die kleine Spitze des Eisbergs ist: also geflossenes oder angelegtes Geld, in Fabriken hergestellte Produkte und für Geld erbrachte Arbeit.

Sämtliche andere Tätigkeiten, die gewissermaßen unter der Wasseroberfläche stattfinden, sind für die Wirtschaftswissenschaften unsichtbar: das unentlohnte Kümmern um junge, alte oder kranke Menschen, jede unentlohnte Haus- und Gartenarbeit, Nachbarschaftshilfe, aber auch das Reifen eines Apfels am Baum einer Streuobstwiese oder die Arbeit der Mikroorganismen im Ackerboden, ohne die nichts wachsen kann.

Alle diese Tätigkeiten bilden aber die Grundlage, ohne die die Spitze überhaupt nicht existieren könnte – ohne die menschliches Leben überhaupt nicht möglich wäre. Dieser große, untere Teil des Eisbergs ist die Basis, ohne die die geldbasierte Produktion im sichtbaren oberen Teil nur funktionieren kann. Der große, untere Teil, wird sich dabei einfach kostenlos einverleibt – angeeignet.

Gerechtfertigt wird diese Ausbeutung durch binäre Zuschreibungen, deren Grundlage eben der vermeintliche Gegensatz zwischen der „wertvollen“ Spitze des Eisbergs, und dem „wertlosen“ Rest ist. Oben stehen „produktive“ Tätigkeiten, Lohnarbeit, Zentrum, globaler Norden, Öffentlichkeit, Zivilisation und „Männlichkeit“ – unten die Subsistenzarbeit, Kolonien, globaler Süden, Privatheit, Natur und „Weiblichkeit“. Frauen*, Natur und (Post-)Kolonien werden so diskursiv in eins gesetzt. Sie sind der Rest unter Wasser, der der Spitze dient. Feministische Postwachstumsdenker*innen wollen diese Perspektive umkehren:

Was würde passieren, wenn wir tatsächlich die Grundlage des Eisbergs, die lebensnotwendigen Tätigkeiten, als Zentrum des Wirtschaftens verstehen würden?

Daraus würde sich eine grundlegende Neubewertung von Arbeit ergeben, eine Anerkennung menschlicher Sorgetätigkeiten und der Produktivität von Apfelbäumen, Mikroorganismen und anderen nicht-menschlichen Wesen. Und das würde ein Ende des heutigen, extraktivistischen Wirtschaftsmodells bedeuten – denn die massenhafte Verbrennung von Öl und Kohle, die verschwenderische Nutzung seltener Erden und mineralischer Düngestoffe, alle diese Schmiermittel der globalen Weltwirtschaft, die so viele ökologische Schäden verursachen, würden an den Rand gedrängt.

Alternative Strukturen organisieren

So schön das klingt, so arbeitsintensiv ist der Weg dorthin. Denn die Wertschätzung der Eisberg-Spitze ist tief eingelassen in wirtschaftliche und gesellschaftliche Strukturen weltweit, es sind die Grundfesten des kapitalistischen Weltsystems.

Wie lässt sich daran rütteln?

Ein erster Schritt dahin, so das queer-femnistische Autor*innenkollektiv J.K. Gibson-Graham, ist eine Verschiebung der Sichtweise, der Perspektive. Weg vom „Kapitalozentrismus“, der die Eigenlogik der anderen Wirtschaftsformen – Schenken, Tauschen, Leihen, Sammeln etc. – unsichtbar macht und damit „den Kapitalismus“ als alles beherrschende Macht immer wieder konstruiert und stabilisiert. Hin zu einer „community economy“, die sich stärker der Förderung der nicht-kapitalistischen Wirtschaftsformen unterhalb der Wasseroberfläche zuwendet. Das bedeutet beispielsweise ein Umdenken gesellschaftlicher Subventionen.

Warum werden Milliardengelder des EU-Strukturfonds in Unternehmen gesteckt, satt in zivilgesellschaftliche Initiativen, in Nachbarschaftsnetzwerke, in selbstorganisierte Infrastrukturen? Warum werden auf allen politischen Ebenen fossile Industrien gefördert und unterstützt, in denen vor allem Männer* umweltschädliche und häufig wenig nützliche Technik produzieren? Wie könnten commons-basierte, gemeinschaftsgetragene, kollektive Betriebe, wie solche Pflege- und Sorgenetze aussehen?

Dafür gibt es viele Ansatzpunkte: Kinderläden und Food Coops, Solidarische Landwirtschaft, Pflegekollektive oder Senior*innen-WGs. Stecken wir doch unsere Arbeitskraft in diese Strukturen, und werden gemeinsam kreativ, wie wir damit auch unsere Miete bezahlen können! Allerdings lauern auf diesem Weg auch einige Fallen: es könnte sein, dass sich die Menschen an der Spitze des Eisbergs durchaus freuen, wenn die Tätigkeiten unterhalb selbstorganisiert und weiterhin prekär oder unbezahlt erledigt werden, denn dann bleibt oben noch mehr Profit übrig. Deshalb weisen viele Degrowth-Denker*innen darauf hin, dass selbst verwaltete Strukturen Veränderungen zwar sichtbar und erlebbar machen, und damit auch Raum für Selbstveränderung schaffen, dass solche Initiativen aber nur ein kleiner Schritt hin zu veränderten Gesellschafts- und Wirtschaftsstrukturen sind, in denen ein gutes Leben für alle Menschen möglich wäre.

Viele Vorschläge aus einer Degrowth-Perspektive gehen daher einen Schritt weiter, und fragen sich, wie Arbeit insgesamt – die oberhalb, und die unterhalb der Wasseroberfläche – anders verteilt werden kann. Eine radikale Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit auf 20 Stunden pro Woche, ohne dass die unteren Gehaltsgruppen Einkommen einbüßen; Zugang für alle zu guter, nicht-entfremdeter und sinnvoller kurzer Vollzeit; kollektive Selbstbestimmung am Arbeitsplatz; eine Aufwertung von Sorgetätigkeiten und die geschlechtergerechte Umverteilung dieser Arbeiten auf alle; eine Anerkennung der Rechte von Nicht-Staatsbürger*innen und schließlich die Stärkung der Unabhängigkeit von Erwerbsarbeit durch eine arbeitsunabhängige Grundversorgung – das sind große Ziele. Außerdem ein Um- und Rückbau von Infrastrukturen, die nicht nachhaltig sind und den Klimawandel befeuern, so wie der Braunkohletagebau.

Dafür braucht es breite gesellschaftliche Bündnisse, die das erkämpfen.

Dieser Artikel stammt aus dem Blog des Konzeptwerks Neue Ökonomie zu Sorgearbeit


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