Ein Licht von Kind zu Kind

Wieder versammelten sich Jung und Alt in Frankfurt, um Lichter leuchten zu lassen für Menschen mit Behinderung und ihre Familien in unserer Gesellschaft. Die kapitalistische Marktwirtschaft blendet systematisch aus, dass wir alle bedürftig sind und aufeinander angewiesen. Dass wir davon abhängen, dass jemand Lebensmittel anbaut und jemand daraus Mahlzeiten zubereitet. Dass jemand den Müll regelmäßig abholt. Dass wir uns auf der Straße sicher aufhalten und fortbewegen können, weil es Regeln gibt, die alle weitestgehend befolgen. Und weil niemand mit Waffen herumläuft und um sich schießt.

Doch für den Neoliberalismus sind Menschen nur wichtig um als „Humankapital“ verwertet zu werden. Oder um als „Konsumenten“ Markt und Wirtschaftswachstum am Leben zu halten. Menschliche Bedürftigkeit und menschliches Angewiesen-sein werden weitestgehend verdrängt. Der Neoliberalismus redet uns ein, dass Bedürftigkeit eine Folge freier gewählter Möglichkeiten ist: Wenn wir uns entscheiden, Eltern zu werden, dann haben wir eben privat alle Belastungen zu tragen, die daraus erwachsen. Wir waren ja frei, uns anders zu entscheiden. Als sei Elternsein nicht etwas zutiefst Soziales, das überhaupt erst das Weiterbestehen unserer Gesellschaft ermöglicht. Der Neoliberalismus zwingt uns einen radikalen Individualismus auf, der alle sozialen Bindungen untergräbt, es sei denn, es dreht sich um Geld.

Manche Menschen werden mit einer Beeinträchtigung geboren. Die meisten von uns erwerben diese erst im Laufe des Lebens. z.B. weil wir nicht jung genug sterben, sondern eben alt werden. Wenn wir dann als „Humankapital“ nicht (mehr) so gut zu verwerten sind, weil wir mehr als andere auf Pflege und Unterstützung angewiesen sind, zeigt sich das menschenverachtende Gesicht dieses Systems besonders deutlich. Und genau hier setzt Care Revolution an: wir wollen sichtbar und bewusst machen, dass es um den Menschen und um sein Wohlergehen geht. Nicht um Anhäufung von Macht und Profit. Wirtschaft soll so organisiert werden, dass alle Bedürfnisse befriedigt werden und alle ein gutes Leben haben. Menschen mit Beeinträchtigungen müssen möglichst selbstbestimmt teilhaben können. Und Menschen, die ihnen zur Seite stehen, müssen alle Unterstützung erhalten, die sie brauchen, um nicht überfordert zu werden. Ihr Einsatz darf auch keine finanziellen Nachteile mit sich bringen.

Etwa 150 Menschen kamen am 25. Oktober in Frankfurt zum Lichtermeer für Inklusion zusammen. Der Gebärdenchor der IGS Nordend sang und performte drei Lieder. Ein besonderer Dank ihnen und ihren Lehrerinnen. Zwei Eltern von Kindern mit Behinderung benannten die Defizite der öffentlichen Daseinsfürsorge und die Widersprüche der Politik auf dem Gebiet der Inklusion. Eine Elternbeirätin wies auf den Bildungsnotstand hin, der für Kinder mit Beeinträchtigungen noch besonders gravierend ist. Die Trommelband Alles Blech führte unseren Laternenzug so temperamentvoll an, dass mehrere ZuschauerInnen spontan zum Rhythmus der Trommeln tanzten. Es war eine fröhliche Aktion, die allen Teilnehmenden großen Spaß bereitete. Die Hessenschau berichtete.

Wir freuen uns schon auf das Lichtermeer 2020.

Rede gehalten von Daniela Kementzetzidis und Mathias Mendyka am 25.10.2019

Liebe Inklusionsfreunde,

was für ein schöner Anlass das Lichtermeer ist, um mit euch ein sichtbares Zeichen für Inklusion zu setzen.

Und wie wenig wir diese Gelegenheit erahnen konnten, als Daniela mit Emilia und ich mit Clara – die heute nicht dabei sein kann – uns in einer Klinik zum ersten Mal begegnet sind!

Unsere Leben mit unseren pflegebedürftigen Töchtern sind auf den ersten Blick ganz unterschiedlich:

Daniela, du lebst mit deiner 7-jährigen Emilia zuhause, pflegst sie, organisierst ihren Schulbesuch, ihre Förderung und Therapien.

Mathias, du lebst mit deiner Frau und deinen anderen zwei Kindern zusammen. Ihr holt eure 2-jährige Tochter Clara, die in einer Fördereinrichtung lebt, regelmäßig zu Besuchen nach Hause.

Abgesehen von diesen Unterschieden teilen wir aber auch Einiges:

Um unseren Töchtern ein gutes Leben zu ermöglichen leisten wir viel, und oft über unsere Grenzen hinaus. Dafür müssen wir in Kauf nehmen, an anderen Stellen zurück zu treten, nicht nur beruflich, auch in unserer eigenen gesellschaftlichen Teilhabe. Und wir haben dabei regelmäßig das Gefühl, dass unser Einsatz nicht wahrgenommen wird und wir bessere Entlastung benötigen.

Und deswegen sagen wir: Ein chronische Krankheit oder Pflegebedürftigkeit dürfen kein Grund zum gesellschaftlichen Ausschluss werden!

Wir fordern eine stärkere Anerkennung von Sorgearbeit – nicht nur in den Pflegeberufen, sondern auch für Pflegende Angehörige – z.B. durch Ausgleich von Einkommens- und Rentenverlusten.

Auch die Beratung zu Entlastungsmöglichkeiten ist oft alles andere als niedrigschwellig. Vieles erarbeiten wir uns selbst, und fühlen uns dabei doch wie Bittsteller oder Kostenfaktoren.

In einer inklusiven Gesellschaft sollten Beratungsangebote jedoch verständlich sein und nah an unserer Lebenslage ansetzen – und nicht zu neuen Barrieren werden.

Es ist schwer nachzuvollziehen: am Beispiel des Trisomie 21-Bluttests hieß es zuletzt, dass unsere Gesellschaft Kinder mit Behinderung willkommen heißen möchte. Das ist gut so!

Wir können aber nicht verstehen, dass auf der anderen Seite – im geplanten Angehörigen-Entlastungsgesetz – die Eltern dieser und anderer minderjähriger Kinder mit Behinderung nicht entlastet werden sollen1.

Und genau so wenig, wie wir finanziell im Regen stehen gelassen werden wollen, möchten wir, dass die Lebensgestaltung Pflegebedürftiger weiter eingeschränkt wird: Gesundheitsminister Spahn denkt über ungewollte Heimeinweisungen von Menschen nach, die zuhause beatmet werden.

Wir antworten: um die Profitinteressen privatwirtschaftlicher Pflegedienste in den Griff zu bekommen, dürfen nicht die Kostenträger aufgeschreckt und die Betroffenen in ihrer Lebensführung weiter eingeschränkt werden!

Natürlich wollen wir nicht, dass unsere Kinder oder heimbeatmete Menschen das Geschäftsmodell globaler Pflegeketten sind, die ihre Gewinne in Steuerschlupflöchern verstecken2.

Die Lösung ist aus unserer Sicht aber nicht mehr Kontrolle oder Effizienz, sondern die Feststellung: Gesundheit ist keine Ware!

In einer inklusiven Gesellschaft sollten Gesundheit, Bildung, Infrastruktur nicht privatisiert werden und Gewinne abwerfen müssen.

Wir wollen eine starke öffentliche Daseinsfürsorge, eine Pflege-Vollversicherung, in die alle einzahlen und Inklusion ohne finanzielle Vorbehalte!

Inklusion ist kein teurer Luxus, über den ständig verhandelt werden muss. Für uns ist Inklusion, die im Kopf beginnt, eine grundlegende Einstellung unseres Gemeinwohls. Und wie es der Behindertenbeauftrage Jürgen Dusel zur Barrierefreiheit sagt:

Eine nicht-inklusive Demokratie ist keine gute Demokratie.

Und jetzt freuen wir uns, diesen Gedanken mit euch zum Leuchten zu bringen.

… für Teilhabe ohne Barrieren

… für die Sichtbarkeit von Sorgearbeit

… für Clara, Emilia & alle Kinder mit Behinderung

… und für die Care Revolution

Dankeschön!

————–

1vgl. Redebeitrag von Corinna Rüffer (Bündnis 90/Die Grünen) am 27.09.19

2vgl. Redebeitrag von Pia Zimmermann (Die Linke) am 27.09.19


Quellen:

Bundestag, 1. Lesung zum Angehörigen-Entlastungsgesetz vom 27.09.19 mit Redebeiträgen von Pia Zimmermann (Die Linke), Corinna Rüffer (Bündnis 90/Die Grünen), Sören Pellmann (Die Linke) (https://www.bundestag.de/dokumente/textarchiv/2019/kw39-de-unterhaltspflicht-angehoerige-657418).

tagesschau.de-Interview mit Jürgen Dusel, Behindertenbeauftragter der Bundesregierung vom 21.01.2019 (https://www.tagesschau.de/inland/un-behindertenkonvention-interview-101.html).


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