Warum wird Sorgearbeit in der modernen kapitalistischen Gesellschaft nicht als “Arbeit“ gesehen?

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Sorgearbeit ist Arbeit am Menschen. Diese Tätigkeiten machen das Leben der Menschen überhaupt möglich. Dazu gehört: Menschen zu gebären, groß zu ziehen, zu ernähren, zu kleiden, sie sauber zu halten. Aber auch sie zu trösten, zu ermuntern, ihnen die Regeln der Gesellschaft beizubringen, sie zu betreuen, wenn sie krank oder alt sind, etc… Diese Tätigkeiten werden größtenteils dann konsumiert, wenn sie produziert werden. Es geht dabei nicht darum Waren herzustellen, die gewinnbringend verkauft werden sollen.

Das entspricht nicht der Grundlogik des Kapitalismus. Und daher wird Sorgearbeit als „unproduktiv“ betrachtet. Sie produziert nicht für den Verkauf auf dem Markt. Allerdings eignet sich der Markt die „Produkte“ der Sorgearbeit an, z.B. wenn ein unentgeltlich geborener und großgezogener und versorgter Mensch seine Haut als „Arbeitskraft“ auf den Erwerbsarbeitsmarkt trägt.

Aber der Kapitalismus ist darauf angewiesen, diese „Ressourcen“ auszubeuten. Es wird nur dafür nichts bezahlt. Oder möglichst wenig. Genauso wenig wie für die Zerstörung von Klima und Umwelt bei der Ausbeutung von Rohstoffen. Ohne diese Ausbeutung und ohne einen Staat, der das alles organisiert, könnte der Kapitalismus keine Profite erwirtschaften (und der Gesellschaft kein Wachstum bescheren). Es gäbe ihn nicht.

Sorgearbeit kann als Dienstleistung vermarktet werden. Wenn sie von Dritten als Erwerbsarbeit erledigt wird. Aber es handelt sich um sehr arbeitsintensive Tätigkeiten. Und es ist sehr schwer, die Arbeitsproduktivität zu steigern. Das geht nur teilweise, z.B. durch Einsatz von Maschinen im Haushalt, um die Wäsche zu waschen oder durch Verwendung von Fertigprodukten beim Kochen. Aber manche Tätigkeiten wie einen Menschen trösten, einem Kind etwas erklären, einen alten Menschen duschen brauchen einfach Zeit und Zuwendung. Die Bezahlung der Sorgearbeit kann sich nicht nach einer Logik richten, mit der z.B. in der Industrie gemessen wird, wie „effizient“ Dinge hergestellt werden.

Man spricht hier von der „Baumolschen Kostenkrankheit“, die auch andere Bereiche betrifft. Ein Orchester wird nicht dadurch produktiver, dass es eine Symphonie von Beethoven schneller spielt oder Teile daraus „einspart“. Aber wenn die Gehälter der Musiker nicht dem steigenden Niveau der gesellschaftlichen Einkommen angepasst werden, wird es irgendwann keine Musiker mehr geben. Denn wie wir alle in unserem Wirtschaftssystem brauchen sie ein Einkommen, um leben und arbeiten zu können.

Sorgearbeit, so notwendig sie auch ist, wird also verschleiert. Sie wird als Privatangelegenheit abgetan und als Freizeitbeschäftigung behandelt oder abgewälzt auf Menschen, die in der gesellschaftlichen Hierarchie weit unten gehalten werden. So können sie möglichst leicht ausgebeutet werden. z.B. Migrantinnen.

Ein menschliches Zusammenleben ist ohne Sorgearbeit unmöglich. Es hat sie schon immer gegeben und sie wird immer noch einfach aus Notwendigkeit ausgeübt, weil wir Menschen ja überleben wollen und uns unsere Lieben wichtig sind. Meistens wird sie von Frauen und im privaten Raum der Familie erledigt. Weil sie einfach getan werden muss um überhaupt zu überleben, gilt sie als unqualifizierte Arbeit, die „jeder machen kann“.

Dazu kommt, dass Sorgearbeit das Beziehungsnetz zwischen den Menschen und der Welt knüpft und pflegt. Wir erfahren durch die Sorgearbeit, dass wir dazu gehören und wo unser Ort in der menschlichen Gemeinschaft ist. Sie ist eine Grundlage dafür, dass wir erkennen, dass das Leben einen Sinn haben kann. So wird von den Sorgearbeitenden erwartet, dass sie diese Arbeit „aus Liebe“ tun. Und „wahre“ Liebe gilt als „unbezahlbar“. Das wirkt sich negativ aus auf finanzielle Ansprüche von Sorgearbeitenden. Denn es wird vorausgesetzt, dass die Ausübung von Sorgearbeit, um gut zu sein, aus idealen, moralischen Motiven ausgeübt wird, nicht um schnöden Mammon zu verdienen. Und das ist auch tatsächlich der Fall. Nur brauchen wir in unserem Wirtschaftssystem alle ein Einkommen um all das zu bezahlen, das es eben nicht unentgeltlich gibt. Auch Menschen, die Sorgearbeit leisten, sind in dieser Lage.

Die kapitalistische Logik setzt aber voraus, dass jemand, der eine „Arbeit“ ausübt, es in erster Linie tut, um Geld zu verdienen. Was kein Geld einbringt ist nämlich nichts Wert. Und etwas ist nur soviel Wert, wie die Menge Geld, die dafür bezahlt wird. Wer also nach der kapitalistischen Logik schlau ist, drückt sich möglichst darum Sorgearbeit zu erledigen und überlässt diese „wertlose Tätigkeit“ schwächeren Menschen, die sich weniger dagegen wehren können. Oder anders gesagt: wer bereit ist, diese Arbeit zu erledigen, beweist, dass er oder sie dumm ist oder schwach.

Der Neoliberalismus unterwirft immer weitere Bereiche der profitorientierten Marktlogik. Auch solche, die sich nur sehr schwer, dieser Logik unterwerfen lassen. Damit wird Reichtum immer mehr konzentriert. Und die Ungleichheit in der Gesellschaft wächst. Denn die Schraube der Ausbeutung wird immer stärker angezogen. Das verschärft die bestehende vom Kapitalismus produzierte Carekrise.

Der kapitalistische Staat reduziert nämlich die Steuern immer weiter um die Konzentration von Reichtum zu unterstützen. Dadurch sinken die Staatseinnahmen. Um aber trotz geringerer Einnahmen die kapitalistischen Produktionsstrukturen weiterhin zu befördern wird im Bereich der Sozialstaats eine Austeritätspolitk verhängt. Das heißt die Infrastrukturen der öffentlichen Daseinsfürsorge und -Vorsorge, die die Familie von einem Teil der privaten unbezahlten Sorgearbeit entlasten, werden abgebaut, „reformiert“, vernachlässigt und verwahrlost. Am Ende werden sie privatisiert, weil sich der Staat angeblich als „unfähig“ erwiesen hat, diese Infrastrukturen zu managen.

Krankenhäuser, Altenheime, Kindergärten, Schulen, Universitäten, Jugendämter, Arbeitsämter, etc… sollen plötzlich „rentabel“ funktionieren. Das geht nur auf Kosten der Qualität. Baumolsche Kostenkrankheit lässt grüßen: wenn weniger Personal mehr Arbeit leisten muss, steigt die Arbeitsbelastung und die Qualität der Sorge sinkt. Das Personal wird krank, kündigt. Es wird weniger gepflegt, schlechteres Essen vorgesetzt, seltener geputzt. Schulen fehlen und werden immer maroder, Unterricht fällt aus, Züge sind unpünktlich. Das geht alles zu Lasten der Menschen, die auf die entsprechende Sorgearbeit angewiesen sind. Diese müssen tiefer in die Tasche greifen, um sich die fehlende Versorgung dazu zu kaufen. Oder Familienangehörige, meistens Frauen, erledigen die nicht erbrachte Carearbeit unbezahlt. Dafür verzichten sie entweder auf ihre Freizeit und Erholung von der Erwerbsarbeit oder sie riskieren Altersarmut, weil sie auf eine Erwerbstätigkeit verzichten, die ihnen Rentenansprüche sichert. Sorgearbeit, die von Dritten gegen Bezahlung in fremden Haushalten geleistet wird, ist sehr stark vereinzelte Arbeit. Da wird es besonders schwer, eine Gewerkschaft oder Lobby für die Rechte dieser Arbeitenden zu bilden.

Es ist Zeit die Arbeit vom Kapitalismus zu befreien! Damit unser Tätig sein wieder dazu dient, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, statt Kapital zu akkumulieren.

Daher setzen wir uns ein – gemeinsam mit den KlimaaktivistInnen – für einen grundlegenden Systemwandel. Wir wollen die Care Revolution! Weg von der Profitlogik! Weg von der Externalisierung von Kosten! Weg von Wachstumswahn! Weg von einer Lebensweise, die einigen wenigen erlaubt zu verschwenden, was anderen bitter fehlt. Her mit dem Guten Leben für Alle. Her mit einer gerechten Verteilung von Einkommen und Ressourcen, von Zeit und von notwendiger Sorgearbeit! Her mit einem Bedingungsloses Grundeinkommen für Alle!

 


2 Gedanken zu “Warum wird Sorgearbeit in der modernen kapitalistischen Gesellschaft nicht als “Arbeit“ gesehen?

  1. Ich kann hier nur erneut auf Riane Eislers „The Real Wealth of Nations“ hinweisen: https://www.bzw-weiterdenken.de/2013/05/die-entwicklung-einer-wirtschaft-der-fursorge/
    Ich suche weiterhin Menschen, die eine Veröffentlichung dieses Werks auf Deutsch unterstützen.
    Sie hat die Problematik der Fürsorgearbeit ausgezeichnet analysiert – die Ursachen für die Missachtung dieser wichtigen Arbeit, ihre Position und Funktion innerhalb der Wirtschaft sowie Möglichkeiten, der Fürsorgearbeit finanziell und gesellschaftlich die Anerkennung zukommen zu lassen, die sie verdient.

    Ebenfalls erneut hinweisen möchte ich auf den Verband Familienarbeit, der sich seit Jahrzehnten für eine finanzielle und gesellschaftliche Anerkennung von Fürsorgearbeit einsetzt: https://familienarbeit-heute.de/

    Allen, die sich für diese Anerkennung einsetzen – vor allem natürlich der CareRevolution RheinMain – von Herzen Dank.

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  2. Dazu auch: Who Cooked Adam Smith’s Dinner?: A Story About Women and Economics (Englisch)
    von Katrine Marcal. Kirsten Armbruster beschreibt es auch sehr handlich in ihrem kleinen Buch „Mütterarmut“. Letztendlich hängt es alles mit der Stellung der Frau zusammen. Es ist kein kapitalistisches Problem an sich, jedes auf erwachsene Männerbedürfnisse ausgerichtete System führt zwangsläufig zu Armut, auch der patriarchale Sozialismus und Kommunismus. Wir steuern gerade auf deinen neue Runde zu: Den Internationalsozialismus, der die gleiche Katastrophe sein wird, wie sein Bruder der Nationalsozialismus. Das Problem liegt in den 7000 Jahren alten patriarchalen Strukturen (Siehe Gerhard Bott, Erfindung der Götter oder die Bücher von Gabriele Uhlmann). Wir haben da eine lange Geschichte hinter uns, und ich wünsche mir, dass sich jede Frau darin einliest, denn es ist ja ein weltweites Problem.

    Das alles leitet sich letztendlich von der Biologie ab (ja, es gibt sie). Da männliche Wesen nicht gebären können, sind sie von Natur aus „balzend“, d.h. das männliche Gehirn eine „hierarchische“ Opt-In Funktion. Männer messen sich gerne, auch kleine Jungs. Was wichtig ist, denn aus Sicht der Natur gesehen ist das Männliche das „Schützende“ der Lebensart (ohne Männer keine Artenvielfalt, die miteinander kooperieren und konkurrieren kann = Evolution). Das männliche Balzverhalten zeigt sich eben im „Rangeln“ um die höchste Position. Ersichtlich bei alle Tieren. Diese Konkurrenzprinzip wird in der Natur eigentlich durch das weibliche „Kooperationsprinzip“ im Gleichgewicht gehalten. Das wurde im Grunde vor 7000 Jahren ausgeschalten. Es kam zur „Verkehrung“. D.h. unser Verstand heute ist überlagert mit dem männlichen „Denken“, des Konkurrierens. Der männliche Gott, der plötzlich seine Mutter zeugen kann, war geboren (aus patriarchaler Logik aus sich selbst). Wir haben es also mit biologischen Prinzipien zu tun, die sich auf kollektiver Ebene wiederfinden und den Planeten, wie auch die Menschheit selbst zerstören. Die Frau ist im Grunde ausgeschaltet (Die Infantilisierung der Frau war der Meilenstein zur Durchsetzung des Konkurrenzprinzips und der männlichen Selbsterhöhung zum Schöpfer/Opfer der Frau). Die Zerstörung ist das eine Problem, aber diese ist bedingt durch eine „Verdummung“, die wir seit 7000 Jahren erleben. Nicht nur gibt es bisher in den vorpatriarchalen Gräbern keine Anzeichen dafür, dass es vorher Kriege gab (keine Schnittverletzungen), sondern auch das medizinische Wissen war exorbitant, die erste Schrift wurde in vorpatriarchaler Zeit erfunden (im Patriarchat PRÄ-historisch genannt, denn die Geschichte beginnt im Patriarchat mit Vater Gott trotz mannigfaltiger Forschungen und archäologischer Befunde aus der Zeit davor, die das Gegenteil belegen). Ein großes Erbe sind die Pyramiden, die aufgrund des intellektuellen Rückgangs nicht mehr verstanden werden. Wir sehen, dass in Kulturen, wo das weibliche rein dem Arsch abwischen des Mannes dient, auch der Intellekt sehr niedrig ist. Das bedingt sich und hat mit dem Ungleichgewicht der weiblichen und männlichen Denkens zu tun: Man kann nicht voneinander lernen. Das weibliche wird negiert als ausserhalb des männlichen vorhanden. Das unabhängige gebärende Geschlecht wurde zum Abhängigen, der abhängige Geschlecht zum unabhängigen. Zwangsläufig veränderte sich damit auch der natürliche Fokus von oben auf unter, was konkret heisst: Das „Ausgewachsene“ stellt seine Kraft zur Verfügung für das „Entstehende“. Das Prinzip wurde umgekehrt und so dienen heute Frauen den Männern als Besitz und Kinder den Eltern als „Energiepumpe“, bis ihnen jegliche Energie vergangen ist und sie selbst Kinder kriegen, um zu saugen. Auch Staat und Bürger stehen in dieser Relation zueinander, frau kann es in allen Beziehungen finden. Ein System auf Augenhöhe kann nicht existieren ohne die #femalechoice, also die Unabhängigkeit der Frau. Dieses System auf Augenhöhe widerspricht aber dem Konkurrenzprinzip. Im Patriarchat steigen die Personen am weitesten nach oben, die am meisten konkurrieren und am stärksten ICH-Bezogen sind. Es bedingt sich also alles und das ist auch so gewollt. Denn neben der Tatsache, dass es dann keinen besonderen „Status“ mehr durch Geld oder Titel für die Personen gibt, kommt hinzu, dass im Zuge dieser Gleichstellung auch die Illusion der Abstammung vom Mann zerfällt (er trägt unter 1% zum Kind bei). Das würde alle Diktaturen, alle Religionen, alle Monarchien zu Fall bringen. Daher wird das nicht passieren. Oder vielleicht doch, aber nicht ohne entsprechende Kriege, die immer seitens der Männer dann provoziert werden, wenn die Frauen zu unabhängig werden (Afghanistan, Syrien, Iran, 2. WK, 1. WK). Ob sich etwas ändert oder nicht, wird an den Frauen liegen und inwieweit sie bereit die Illusion des „Prinzen auf dem Ross“ fallen zulassen und anzuerkennen, dass -so gemein es scheinen mag- sie aus Sicht der Natur die Krone der Schöpfung sind und ihre Söhne Unterstützer ihrer. Denn wie die Mütter, so die Söhne.

    Die Notwendigkeit von Bezahlung der Care-Arbeit zu reden, kommt ja daher, dass zu wenig Care an Frau selbst geschieht (KAR-MA leitet sich von „Care“ und „Mutter“ ab). D.h. durch den Geldersatz (Energie, die eine Illusion ist, das Geldsystem IST das Patriarchat) soll diese „Care“ also Seelenarbeit, Zusammensein, das Miteinander kompensiert werden. Ich sehe es auch so, dass es notwendig ist, diesen Schritt erstmal zu gehen, um die Gleichstellung zu erreichen, um letztendlich dann zu erkennen, dass es ein sich im Kreis drehendes Konzept ist: Ohne Liebe, ohne soziales Miteinander kein „Leben“. Ein geborenes Kind aus dem Reagenzglas (Zielsetzung hinter der männlichen Transmanie) kann man 10.000 Euro geben, aber: Überleben wird es nicht.

    Wir müssen zurück an den Anfang. Zu dem was das Leben ausmacht. Im Patriarchat heisst Leben „Überleben“, jedes Kind lernt durch Religion und „Pädagogik“, dass es ein Mangelwesen ist und nach oben zu dienen hat. All das müssen wir entlarven. Und dann sehen wir, was passiert. Es liegen wahnsinnige Zeiten vor uns.

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