Wie wirkt sich die Globalisierung, in der wir leben, im Care-Bereich aus?

Zwei Geschichten aus dem 19. und dem 20. Jahrhundert

Ich möchte als Einleitung mit zwei Geschichten beginnen, die beide mit Care und Migration zu tun haben und in der Vergangenheit spielen.

Meine erste Geschichte habe ich vor 50 Jahren von einer damals 75-jährigen Nachbarin erzählt bekommen, die in Paris im gleichen Hause wohnte wie ich, als ich dort als junge Studentin lebte. Wir trafen uns öfter bei ihr zu einem kleinen Apéro und tauschten uns über Gott und die Welt aus. Sie kam aus Tréguier, eine Kleinstadt in der Bretagne. Ihre Mutter war so um 1880 als 16-Jährige schwanger geworden, unverheiratet. Als ihr Kind geboren wurde, bekam es ihre ältere Schwester zum Aufziehen. Diese stillte nämlich gerade selbst ein eigenes Kind und konnte also gut ein zweites mit stillen. Die16-Jährige aber wurde ihrerseits nach Paris geschickt, um dort bei einer bürgerlichen Familie als Amme ein fremdes Baby großzuziehen. Dessen eigene Mutter konnte oder wollte nicht stillen. Bei der Familie bekam sie freie Kost und Logis und musste bei den Herrschaften am Essenstisch mitessen, statt mit dem restlichen Gesinde in der Küche, damit sie gut ernährt wurde um gute Milch für das Kind zu produzieren.

Nach zwei Jahren, als die Familie meinte, das Kind bräuchte keine Brust mehr, wurde sie wieder nach Hause in die Bretagne geschickt. Dort verheirateten sie die Eltern mit einem 20 Jahre älteren Mann, mit dem sie dann noch neun weitere Kinder bekam. Eines davon meine alte Nachbarin.

2/ Meine zweite Geschichte spielt sich ca. 100 Jahre später ab. Ich habe sie in diesem Fall nur gelesen. Eine Kolumbianerin wanderte nach Deutschland aus, um hier Geld zu verdienen, das ihr Vater dringend brauchte. Man hatte bei ihm Krebs diagnostiziert und sie waren eine Familie aus bescheidenen Verhältnissen und konnten sich die teure Krebs-Behandlung nicht leisten. Viele Länder des globalen Südens haben unzureichende Systeme der sozialen Sicherung und Gesundheitsversorgung. Sie war Lehrerin an einer öffentlichen Schule, aber der Staat zahlt schlechte Gehälter und manchmal kam es vor, dass die Lehrer Monate lang auf ihr Gehalt warten mussten. In Deutschland ging sie in die Prostitution, weil das die Tätigkeit war, mit der sie am besten zu mehr Kohle kam. Sie hatte Unterschlupf bei einigen anderen Kolumbianerinnen gefunden, mit denen sie ein Schlafzimmer teilte, um so ihre Unkosten so niedrig wie möglich zu halten, denn es kam ihr ja darauf an, so viel Geld wie möglich nach Hause überweisen zu können.

Das sind also zwei unterschiedliche Beispiele, die illustrieren, wie Frauen zu Care-Migrantinnen werden können. Beide Male ist da ein Gefälle vorhanden zwischen zwei Lebenswirklichkeiten. Der Lebenswirklichkeit, aus der die Frauen kommen und die Lebenswirklichkeit zu der sie hin wandern.

Und in beiden Beispielen sehen wir, dass der menschliche Körper, hier der Frauenkörper, eine zentrale Rolle spielt. Care-Arbeit hat nämlich sehr viel mit menschlicher Körperlichkeit zu tun. Damit, dass Menschen einen Körper haben und dieser Körper Pflege braucht. Dass dieser Körper nur gedeihen kann in einem Beziehungsgeflecht. Ja, dass wir alle nicht auf dieser Welt wären, wenn es nicht einen menschlichen Bauch gegeben hätte, in dem wir entstanden und die ersten Monate unseres Daseins dort hätten verbringen können.

Carearbeit kommt in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung nur bedingt vor. Es gibt eine zentrale volkswirtschaftliche Kennzahl, das Bruttoinlandsprodukt (BIP), in der nur die Tätigkeiten Eingang finden, die als Ware auf dem Markt gehandelt werden, also für die es einen Lohn oder ein Honorar oder sonst Geld gibt. Unbezahlte Tätigkeiten fallen einfach unter den Tisch. Sie werden seit der Wende, ab 1991/92, vom Statistischen Bundesamt zwar gesammelt, gemessen und sogar mit großer Vorsicht bewertet, aber da wir in einer Marktwirtschaft leben, gilt nur, was gekauft oder verkauft werden kann. Und somit ist dieser ganze Sektor unsichtbar. Obwohl er, nach den Daten der letzten Erhebung, die 2012/2013 durchgeführt wurde, trotz der vorsichtigen Bewertung etwa 1/3 der Bruttowertschöpfung vom BIP ausmacht.

Wie groß ist das Ausmaß des Bedarfs an Care-Arbeit heute hier in Deutschland?

Wie Oxfam Anfang 2020 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos berichtete, übersteigt global gesehen die Wertschöpfung der hauptsächlich von Frauen erbrachten unbezahlten Carearbeit den Wert, den die im Silikon Valley ansässigen Digital-Firmen wie Google, Facebook, etc…zusammen erwirtschaften.

2013 wurde von privaten Haushalten in Deutschland 35% mehr Zeit für unbezahlte Arbeit aufgewendet als für Erwerbsarbeit. Also von sieben Stunden geleisteter Arbeit wurden nur drei bezahlt. 20 Jahre früher waren es sogar 50% mehr Zeit, die Menschen für unbezahlte Arbeit verbrachten! Damals wurden von fünf Stunden Arbeit nur zwei bezahlt.

Unbezahlte Arbeit, das ist Kochen, Putzen, Waschen, Gartenarbeit, Tierpflege, Einkaufen, Behördengänge, Haushaltsorganisation (Mental Load), aber auch Pflege und Betreuung von Kindern, Alten, Angehörigen mit Behinderung, Kranken, von gesunden Erwachsenen, und schließlich Ehrenamt oder unbezahlte Nachbarschaftshilfe und Unterstützung in anderen Haushalten (z.B. Enkelbetreuung).

In 20 Jahren ist die Zeit, die in unbezahlte Arbeit gesteckt wurde, insgesamt um ca. 20% weniger geworden.

Seltsamerweise, oder vielleicht ist das gar nicht so seltsam, hat es zwei Phänomene gegeben, die sich ebenfalls in diesem Zeitraum geändert haben:

1. Die Erwerbsbeteiligung von Frauen ist in dem gleichen Zeitraum um 23% gestiegen

2. Die Zahl der Kinder unter 12 Jahren ist in dem gleichen Zeitraum um 22% gesunken

Außerdem konstatiert man, dass immer mehr Fast-food oder Fertiggerichte gegessen werden, immer weniger Menschen ihre Klamotten selbst nähen oder reparieren, immer mehr Kinder immer früher in Kinderbetreuungseinrichtungen kommen, etc…

2007 gab es eine Unterhaltsrechtsreform. – Diese hat den Unterhalt im Falle einer Scheidung für den Partner (im allgemeinen die Ehefrau), der die Kinderbetreuung ausgeübt hatte und nach der Scheidung weiter ausübt, reduziert. Bis dahin gab es Betreuungsunterhalt bis das jüngste Kind 15 Jahre alt war, jetzt nur noch bis zum 3. Lebensjahr. – Damit fand eine Abkehr vom Gedanken eines Ersatzes der lebenslangen Solidarität durch Ausgleich „ehebedingter Nachteile“ statt. „Mit der Neugestaltung des nachehelichen Betreuungsunterhalts … hat der Gesetzgeber für Kinder ab Vollendung des dritten Lebensjahrs den Vorrang der persönlichen Betreuung aufgegeben“. (BGH 18. 3. 2009)

Es findet ein demographischer Wandel statt. Dank des medizinischen Fortschritts und durch Wohlstandsgewinne steigt die Lebenserwartung etwa 3 Monate pro Jahr. Gleichzeitig werden immer weniger Kinder geboren. Es findet eine zunehmende Alterung der Gesellschaft statt.

Der Pflegenotstand, der seit Jahren immer weiter wächst und gerade jetzt mit Corona erschreckend sichtbar wurde, wird sich noch massiv verschärfen. Denn in den kommenden Jahren gehen die Babyboomer in Rente. Pflegefachkräfte fehlen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln rechnet für 2035 mit einer Versorgungslücke in der stationären Altenpflege von über 300 000 Pflegekräften. Im gesamten Pflegebereich, also die ambulante Pflege mit eingerechnet, von 500 000.

2000 gab es in Deutschland über 2 Millionen Pflegebedürftige.

2017 waren es 3,4 Millionen.

2060 wird mit über 4,5 Millionen Pflegebedürftigen gerechnet. Bei sinkender Bevölkerungszahl.

Die Pflegequote (das ist der Prozentsatz der Menschen in einem bestimmten Segment der Bevölkerung) der über 75-Jährigen liegt bei 11%, d.h. 11% der Menschen über 75 Jahren sind pflegebedürftig. Bei den über 90-Jährigen liegt die Pflegequote bei 71%

Care-Drain

Knapp 3.000.000 Pflegebedürftige werden daheim betreut. 1/3 davon mit Unterstützung von ambulanten Pflegeeinrichtungen oder durch sogenannte Live-Ins. Das sind 24-Stunden Pflegekräfte, hauptsächlich aus Mittel und Osteuropa: Polen, Bulgarien, Rumänien, Ukraine, die in der Wohnung der Person leben, die pflegebedürftig ist. Man schätzt, dass es ca. 250 000 Personen – in der Regel Frauen – sind. Manche sprechen von 300 000. Die Dunkelziffer wird dadurch bedingt, dass manche Pflegekräfte schwarz arbeiten.

Was kostet es, jemanden daheim pflegen zu lassen?

Laut CariFair, einer Agentur von der Caritas, die sich darum bemüht, für migrantische Pflegekräfte sozialversicherungspflichtige Arbeitsverhältnisse zu schaffen, muss eine Familie mit ca. 2600 Euro Kosten im Monat rechnen. Und das für eine Kraft, die nicht einen Pflegenden Angehörigen ersetzt, sondern nur unterstützt. Denn die Pflegekraft soll gemäß deutschem Arbeitsrecht nur 38,5 Stunden pro Woche arbeiten und Recht auf 3 Tage bezahlten Urlaub pro gearbeiteten Monat haben.

Würde man, wie es viele andere Agenturen versprechen, einen 24 Stunden / 7 Tage-Paket haben wollen, müsste man, nach geltendem deutschen Arbeitsrecht ca. 4 – 5 Arbeitskräfte einstellen. Die Woche hat 168 Stunden, jede Vollzeitkraft arbeitet 38,5 Stunden, das sind 4 Vollzeitkräfte + 14 Stunden für eine Teilzeitkraft.

Das gibt eine Idee vom Wert der Arbeit, die Pflegende Angehörige unbezahlt leisten! Sie fallen dann häufig in Hartz IV, wenn sie für die Pflege ihre Erwerbsarbeit reduzieren oder aufgeben, und im Alter sind sie auf Grundsicherung angewiesen, weil ihre Arbeitsleistung nicht gebührend gewertet wird.

2600 Euro pro Fachkraft, solche Summen kann sich kaum jemand leisten. Und der deutsche Sozialstaat ruht sich auf den „größten Pflegedienst der Nation“ aus: die Familien. Denn, wie gesagt, ¾ der Pflegebedürftigen werden daheim gepflegt. Damit das nicht so wäre, müssten die Infrastrukturen öffentlicher Daseinsfürsorge massiv ausgebaut werden. Statt in die Pflege – ein wachsender Wirtschaftssektor, wie wir gesehen haben – wird aber lieber Geld in Wirtschaftsbereiche investiert, die Deutschland als „Wirtschaftsstandort“ weiter an die Spitze treiben sollen, auch wenn das vor allem die soziale Ungleichheit immer weiter verschärft.

Und so sind Migrant:innen willkommen, die den Pflegenotstand entlasten. Und es werden alle Augen zugedrückt, wenn die meisten migrantischen 24-Stunden Arbeitskräfte als Scheinselbständige, als Ich-AG, eingestellt werden. Denn bei Selbstständigen greift das Arbeitsrecht nicht. So kann Ausbeutung „legal“ stattfinden. Und es werden Migrantinnen eingestellt, weil deutsche Pflegekräfte solche Arbeitsbedingungen nicht akzeptieren würden. Bereit dazu sind nur Menschen, die aus einem Land kommen, das im Vergleich mit Deutschland in einem bedeutenden Lohngefälle steht.

Hier wird wieder mal ganz deutlich, wie ungleich die Lebenszeit von Menschen, somit also die Menschen selbst. bewertet werden.

Durch dieses Gefälle bereichert sich Deutschland auf extraktivistische Weise, also auf Kosten dieser Menschen. Dieses Gefälle erlaubt es, dass Deutschland eine notwendige Dienstleistung kostengünstig importiert. Dadurch werden die Kosten für den deutschen Sozialstaat (der für das Wohlergehen seiner Bürger verantwortlich ist) auf andere Gesellschaften abgewälzt. Oder es ermöglicht deutschen Bürger:innen, notwendige Sorgearbeit kostengünstig auf Dritte abzuwälzen. Das ist Diskriminierung und Ausbeutung.

Doch nicht genug mit der finanziellen Ausbeutung. Migrantische Arbeitskräfte zahlen noch einen weiteren Preis dafür, dass sie in Deutschland Care-Arbeit leisten. Sie müssen ihre eigenen Familien zurücklassen, bürden diesen also die Carearbeit auf, die sie dort sonst geleistet hätten. Sie können sich nicht um ihre eigenen Kinder kümmern oder ihre eigenen pflegebedürftigen Eltern oder sonstigen Angehörigen selbst pflegen. Und damit wird deutlich, dass Sorgearbeit nicht nur vermarktbare Dienstleistung ist, sondern viel mehr, nämlich der Aufbau und die Pflege von menschlichen Beziehungen. In diesem Zusammenhang wird daher auch von einer Kommodifizierung der Mutterschaft gesprochen, also der Tatsache, dass Mütter die Zeit, die sie nicht mit ihren Kindern verbringen können mit materiellen Geschenken kompensieren, mit Waren und Konsum. Da ist das Smartphone oder das Tablett, dass geschenkt wird, allein um mit dem Kind in Verbindung bleiben zu können. Geld und Markt schleichen sich ein in die menschlichen Beziehungen und verwandeln so die Menschen in Konsumenten, in hoffentlich vermarktbare Arbeitskräfte, die ihre Arbeit verkaufen (wollen), um konsumieren zu können.

24-Stunden Kräfte werden zeitlich ausgebeutet. Besonders dann wenn die Zeit, die sie in Bereitschaft sein müssen, nicht als Arbeitszeit betrachtet und entsprechend nicht bezahlt wird.

Bernhard Edmunds vom Oswald von Nell-Breuning Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik in Frankfurt sagt deshalb: „Das Deutsche Pflegesystem basiert – was die Erwerbsarbeit betrifft – zu einem Viertel auf Menschenrechtsverstößen“.

Was meint er damit? Die Woche hat 168 Stunden. Arbeiten die Live-Ins durchschnittlich 69 Stunden in der Woche, und das mal 250 000 Personen, dann erbringen sie ¼ der bezahlten Pflegearbeit, die in Deutschland geleistet wird. Das, wenn dabei stillschweigend davon ausgegangen wird, dass die restlichen wöchentlichen 99 Stunden nicht bezahlt werden, entweder weil Bereitschaftsstunden unbezahlt bleiben oder die Pflegekräfte tatsächlich wirklich frei haben, also über diese Zeit frei verfügen können.

Ein weiteres Problem für Arbeitskräfte, die in Privathaushalten arbeiten ist, dass es dort keine Qualitätsstandards gibt und keine Instanzen, die diese Standards, gäbe es sie, kontrollieren: Wie sind die Arbeitsbedingungen? Welche Aufgaben muss die Arbeitskraft erledigen? Wofür wurde sie eingestellt? Wird ihr Lohn korrekt und pünktlich gezahlt? Gibt es vielleicht andere Probleme? z.B. sexuelle Übergriffe oder Gewalt? Arbeitgeberin ist die Familie der pflegebedürftigen Person oder die pflegebedürftige Person selbst und es gibt keine Instanz, die kontrolliert. Aber auch: Wie erledigt die Arbeitskraft ihre Arbeit? Ist sie dafür überhaupt pflegerisch qualifiziert? Wie wird also die Qualität der Versorgung und der Arbeitsbedingungen kontrolliert und garantiert? Pflegefachkraft kann nicht jemand in einem Crash-Kurs werden. Obwohl viele Migrantinnen, die nach Deutschland kommen, sehr qualifiziert sind, sind sie nicht immer in Pflege qualifiziert. Aber Erwerbsarbeitsplätze für sie gibt es eben nur in der Pflege oder in anderen – wenig wertgeschätzten und entsprechend schlecht bezahlten Careberufen.

Deutschland ist schon von verschiedenen internationalen Instanzen, der ILO und dem UN Sozialausschuss dafür ermahnt worden, dass solche Arbeitsverhältnisse herrschen. Und das obwohl Deutschland als eines der ersten Länder das ILO Übereinkommen 189 „Über menschenwürdige Arbeit für Hausangestellte“ ratifiziert hat. Bislang war das alles erfolglos.

Die Segnungen des Westens. Das Mantra vom Wirtschaftswachstum.

Und jetzt möchte ich den Blick etwas erweitern. Nicht nur an Deutschland denken. Denn es handelt sich hier nicht um ein deutsches Phänomen. Sondern auch an unsere Nachbarländer, Frankreich, Spanien, Italien, usw. aber auch die USA, usw… Halt alle „reichen“ Länder, die nach diesem Modell leben, dass Wachstum das wichtigste Ziel von Politik ist. Und die mit ihren Waren, die sie exportieren, auch diese Ideologie mit exportieren.

Wie schon oben erwähnt, unser Wirtschaftsmodell basiert auf der Idee, dass Wachstum und der Markt die Lösung aller unserer Probleme sind. Dass mehr besser ist. Dass alles seinen Preis hat. Dass alles gekauft werden kann. Immer mehr Bereiche des Lebens werden vom Markt erobert. Werden marktfähig und marktförmig organisiert. Inzwischen kann sogar mit der Leihmutterschaft die Herstellung eines Kindes gekauft werden. Das wird als Fortschritt bezeichnet.

Armut wird gemessen an der Menge an Dollar am Tag, über die ein Mensch als Kaufkraft verfügt. Dabei wird vergessen, dass es immer noch Dinge gibt, die kein Geld kosten. Wenn jemand ein Stück Land besitzt, auf dem sie ihre Lebensmittel anbauen kann, braucht sie keine zu kaufen. Wenn er mit Hilfe der Nachbarn seine Behausung baut, braucht er keine Miete zu zahlen….

Doch solche Lebensentwürfe, die auf Subsistenz gründen, werden als rückständig und unterentwickelt bezeichnet und nach Möglichkeit zerstört. Um auch diese Menschen in den Markt einzubinden. Sonst können sie nicht ausgebeutet werden. Denn sie sind dann keine Konsumenten. Es wird ihnen eingetrichtert, dass sie minderwertig sind, Parasiten und Asoziale, wenn sie kein Geld verdienen um konsumieren zu können. Um beizutragen, dass der Absatz wächst und somit der Profit, das BIP.

Es muss ihnen eingetrichtert werden, dass sie alles das brauchen, was in diesem hegemonialen System produziert wird.

Inzwischen erkennen immer mehr Menschen, auch gerade im Westen, dass dieses Modell an die Wand fährt und die Lebensgrundlagen der Menschheit zerstört. Aber wir ändern unser Verhalten noch kaum. Wir sind wie gefangen in diesem System. Unser Denken ist davon kolonialisiert. Und wir exportieren mit unseren Produkten auch dieses Denken und diesen Glauben und unternehmen alles, damit er sich möglichst global ausbreitet.

Zentraler Bestandteil dieser Ideologie ist, dass Carearbeit wertlos ist. Unproduktiv, unwürdig, fast beschämend und daher lieber unsichtbar. Redewendungen wie „Herdprämie“, „Ich arbeite nicht, ich bin nur Hausfrau“, „Retraditionalisierung von Geschlechterrollen“ verunglimpfen die Menschen, die diese Tätigkeiten ausüben. Es ist die „Dreckarbeit“, die angeblich niemand „freiwillig macht“.

Obwohl es sich um Tätigkeiten handelt, ohne die keine Gesellschaft existieren kann. Systemrelevant. Ein Wort, das ich ablehne, weil ich hoffe, dass dieses System zusammenbricht und Platz für ein anderes, menschliches, macht, das anerkennt, dass diese Tätigkeiten lebensnotwendig sind.

Und damit komme ich zum Schluss.

Wie instrumentalisiert der Neoliberalismus den Feminismus?

Die sexuelle Arbeitsteilung der Industrialisierung hat es mit sich gebracht, dass eher Frauen Sorgearbeit leisteten, während Männer eher in die Fabrik gingen, um dort Waren zu produzieren. (In der ganz armen Bevölkerung gingen Frauen schon immer mit in die Fabrik). Beide arbeiteten, aber er brachte das Geld für die Familie nach Hause.

Inzwischen sollen auch Frauen oder eben die Carearbeitenden Geld nach Hause bringen. Bringen sie nämlich kein eigenes Geld nach Hause, sind sie „abhängig“. Abhängig von der Person in der Familie, die ihre Arbeit verkauft und so Geld dafür erhält. Finanziell abhängig von dieser Person, der sie jedoch ihren Anteil an der notwendigen Carearbeit in der Familie abehmen, unbezahlt. Aber da ja unbezahlte Arbeit keine Arbeit ist, da sie unsichtbar ist, hat sie keinen Wert. Ist sie „Dreckarbeit“, die nur die machen, die sich nicht davor drücken können. Nur selbst verdientes („eigenes“) Geld garantiert Unabhängigkeit.

(Warum spricht man eigentlich von Lohn-„Abhängigkeit“?)

Ein vom Neoliberalismus infizierter Feminismus redet den Frauen und der Gesellschaft ein, dass sich Frauen nur emanzipieren können, wenn sie ihre Arbeit verkaufen. Durch Erwerbstätigkeit. Und je weiter weg ihre Erwerbsarbeit von einer Caretätigkeit ist, desto gelungener ist ihre Emanzipierung. Zum Beispiel, wenn sie einen MINT-Beruf ergreifen.

Wenn sie dann in den entwickelten Ländern keine Zeit mehr haben für Sorgearbeit, sie zu gut sind dafür, dann brauchen wir einen Ersatz. In diesem Kontext ist es allerdings nicht einfach, Männer, für diese Tätigkeiten zu gewinnen. Bislang galt es ja aus ideologischen und kulturellen Gründen als „unmännlich“, als unter der Würde eines Mannes, Carearbeit zu machen. Wie überzeugt man Männer in diesem Kontext, dass sie die eigene Lebenszeit für etwas einsetzen sollen, von dem sich Frauen befreien wollen, um „emanzipiert“ zu sein? Noch dazu auf Kosten ihrer als wertvoll, weil bezahlt und daher als ehrenvoll gewerteten Erwerbstätigkeit!

In diesem Kontext sind dann eben weibliche Migrantinnen willkommen.

Denn es setzen rassistische und sexistische Reflexe ein. Nicht ganz so willkommen sind männliche Migranten. Migrantische Männer sind eine „Gefahr“. Sie können sich radikalisieren und Terroristen oder Kriminelle werden. Und sie unterdrücken Frauen, besonders ihre Frauen.

Diese Frauen müssen dann gerettet werden. Sie müssen gerettet werden vor ihren Männern. Sie müssen sich emanzipieren aus ihren „minderwertigen“ Herkunftskontexten. Sie müssen aus ihren Familien herausgehen. Sie müssen ihre Kinder in die KiTa geben, denn sie sind „bildungsfern“, weil sie nicht gut Deutsch sprechen und zu viel Wert auf Familie legen. Sie sind „sozial schwach“. Sie müssen ihr eigenes Geld verdienen. Und zwar am besten durch Carearbeit in deutschen Familien.

Und weil sie „minderwertig“ sind, oder zumindest erst auf dem Weg dahin, sich kulturell und ideologisch zu „integrieren“, kann man sie auch geringer entlohnen und ihnen schlechtere Arbeitsbedingungen zumuten.

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